Dass ich Indien als eines meiner Wunschländer angeben würde, stand eigentlich schon fest, als ich mich dazu entschloss, mich bei AFS zu bewerben. Es ist nämlich mein Kindheitswunsch, Indien kennen zu lernen. Mit den Erzählungen von Indiens Kultur und Mentalität, die teilweise genauso schön wie schrecklich waren, bin ich quasi aufgewachsen. Mein Vater leitete dort zehn Jahre lang Studienreisen und erzählte mir schon als Kind viele Geschichten von seinen Erlebnissen und von den verschiedenen Völkern, Mythen und Religionen dieses vielseitigen Landes. Mir gefiel das Bild, welches er mir von Indien vermittelte.
Ich fing an, mich immer mehr für das Land zu interessieren, das ich bisher nur aus Reiseberichten meiner Eltern kannte. In Erdkunde bereitete ich eine GFS über „Frauen in Indien“ vor, las viele Bücher und besuchte Vorträge über die Religionen und die politische Situation Indiens. Im Hinterkopf hatte ich immer das Versprechen meiner Eltern, irgendwann mit meinem Bruder und mir durch Indien zu reisen, damit wir das alles auch aus erster Hand erleben können. Leider haben wir das bis heute noch nicht geschafft.
Durch dies alles habe ich ein relativ genaues Bild von der indischen Kultur – sofern man das bei einem derart außergewöhnlichen und von Unterschieden geprägten Land wie Indien überhaupt haben kann. Irgendwie wirkt es für mich manchmal wie eine Traumwelt, voller Farben und real gewordener Märchen, wobei ich mir natürlich auch der negativen Seiten Indiens jederzeit bewusst bin. Manchmal ist es für mich schwer zu glauben, dass so viele Unterschiede und Kontraste in einem einzigen Land vereinbar sind.
Das Bildungswesen stelle ich mir ebenso widersprüchlich wie die gesamte Kultur vor. Es wird vermutlich stark von lokalen und gesellschaftlichen Gegebenheiten abhängen. Den Unterricht an den Schulen der Mittel- und Oberschicht in den Städten stelle ich mir ähnlich wie hier vor, vielleicht ein wenig strenger und sicher viel disziplinierter. Sehr wahrscheinlich ist das Schulsystem von der früheren Kolonialmacht England beeinflusst. Dass das Kastensystem auch auf das Schulwesen einen gewissen Einfluss haben könnte, kann ich mir gut vorstellen, auch wenn ich noch keine genaue Vorstellung davon habe, wie sich das auswirkt.
Ich glaube, dass ich mit dem Alltagsleben in Indien gut zurechtkommen werde. Mit einem familienzentrierten Leben habe ich als Halbägypterin und Internatsschülerin eigentlich keine Probleme. Für mich gehört es zum Alltag, mein Zimmer zu teilen.
Privatsphäre habe ich bei meinen vielen Aufenthalten in Ägypten kaum vermisst. Das Bedürfnis alleine zu sein oder meine Ruhe zu haben fehlt einfach, wenn ich unter Menschen bin. In einem ganz fremden Land ist das vielleicht nochmal etwas anderes, doch ich denke nicht, dass eine „kollektivistische“ Kultur für mich ein ernsthaftes Problem darstellen könnte. Auch die Anpassung an mir fremde Werte, Bräuche oder Ideen fällt mir für gewöhnlich nicht schwer.
In Indien werde ich mich anfangs nur auf Englisch unterhalten können; indische Sprachen kann ich bisher nicht, was sich selbstverständlich problemlos ändern ließe. Diese sprachliche Hürde würde wohl auch die erste Schwierigkeit darstellen. Da ich nie mit einer in Indien oder Asien – mit Ausnahme von Thailand – gesprochenen Sprache konfrontiert wurde, kann ich mir gut vorstellen, dass diese mir auch in Sachen Aussprache und Verständnis anfangs größere Probleme bereiten könnten.
Schwer könnte mir auch fallen, über krasse Formen von Armut und Leid hinwegzusehen, was in einem Land wie Indien wohl nicht zu vermeiden sein wird. Als Kind sammelte ich in Ägypten selbst die Straßenkatzen auf, weil ich nicht wollte, dass diese verhungern. Ich denke, es ist schwer, meine Reaktion in solchen Momenten einzuschätzen und ich kann mir gut vorstellen, dann auch gelegentlich und situationsbedingt an meine Grenzen zu stoßen.
Die dritte Sache, die mir zuweilen Schwierigkeiten bereiten könnte, ist die Tatsache, dass ich sehr beziehungsorientiert bin, was in einer völlig fremden Umgebung dazu führen könnte, dass ich übereifrig versuche, mit den Menschen in Kontakt zu kommen und diese damit vielleicht ein wenig nerven oder überfordern könnte.
Auf Kulturschocks jeglicher Intensität bin ich vorbereitet, das gehört nicht nur dazu, sondern macht auch in einer gewissen Weise den Reiz eines völlig fremden Landes aus.
Für mich steht außer Frage, dass Indien zu den spannendsten und interessantesten Ländern der Welt gehört. Ich freue mich darauf, am Leben dort teilzuhaben und meine eigenen Erfahrungen in diesem von unterschiedlichen Kulturen, Religonen und Volksgruppen geprägten Land zu sammeln.