Vor der Reise

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Vor der Reise

„Wie kommt man eigentlich auf die Idee, ausgerechnet nach Indien zu gehen?“

Ich kann nicht sagen wie oft ich genau diesen Satz während der letzten neun Monate gehört habe. Ebenso wenig aber weiß  ich nun, wie oft mir der Versuch misslang, das Ganze mir oder anderen zu erklären. Eine bewusste Entscheidung war nie notwendig gewesen. Mein Kopf hatte sich nie dafür entschieden nach Indien zu gehen. Mein Herz hatte ihm das schon vorweg genommen, bevor er sich überhaupt mit dem Gedanken hatte anfreunden können, mein gewohntes Umfeld und alles, was ich an meinem jetzigen Leben liebe und schätze, für ein Jahr einfach zurückzulassen. Wenn nicht nach Indien, wohin sollte ich sonst gehen? Meine Neugier und der Wunsch, Neues und Fremdes zu entdecken, hatten sich in mir verselbstständigt und jede Form der Entscheidungsfindung sinnlos werden lassen. „Ich will mal an einen Ort gehen, der richtig anders ist und nicht nur so ein bisschen“, war meine häufigste Antwort. Ja, die Unterschiede reizten mich, schon der Gedanke an Indien gab mir ein Gefühl der Naivität, denn ich fühlte mich wieder als das kleine Mädchen, das mit leuchtenden Augen den Erzählungen ihres Vaters lauschte. Erzählungen über eine fremde, buntere Welt, deren Farben, Geschmäcke und Gerüche mir in meinem bisherigen Leben verborgen geblieben waren. Ohne es jemals gesehen zu haben, hatte ich mich in dieses Land verliebt und es wurde Zeit, die Erfüllung des Wunsches, dieses Land einmal in echt zu erleben, selbst in die Hand zu nehmen. Es wurde Zeit, sich auf einen riesigen Berg Papier zu stürzen und eine Bewerbung auszufüllen, die mir viele Abendstunden raubte. Dann die Auswahl, der Brief, dass ich genommen worden war, Einladungen für Vorbereitungswochenenden… Im Nachhinein kommt es mir vor als wären die letzten Monate nur wie ein Film an mir vorbeigezogen, in dem ich mich selbst hatte von außen beobachten können. Das Auslandsjahr schien konstant nicht näher kommen zu wollen und auch jetzt, zwei Tage vor der Abreise, scheint es noch kein Stückchen realer geworden zu sein. Am nächsten war es vielleicht in den Vorbereitungen, in denen ich viele nette Leute kennen lernte, die bald eine ähnliche Erfahrung wie ich machen werden oder diese schon gemacht hatten. Die Vorbereitungen bedeuteten Spaß und eine Stärkung des Zusammenhalts ebenso wie eine umfassende Schulung in der allgemeinen Theorie anderer Kulturen sowie der länderspezifischen Eigenheiten Indiens. Allein diese Vorbereitungen sind eine derart tolle und bereichernde Erfahrung, dass es schwer ist, sich vorzustellen, wie dem entsprechend ein ganzes Auslandsjahr sein muss. Ja, es ist schwer, sich das vorzustellen, auch jetzt noch, wo die Abreise näher denn je ist. Noch weiß ich nicht, worauf ich mich gerade einlasse, doch ich weiß, dass die Zukunft mir dieses kleine Geheimnis so bald offenbaren wird, dass es nun an mir liegt, selbst die Augen für das Kommende zu öffnen und meine Sinne für das zu schärfen, was mir die deutsche Wahrnehmungsschule in meinem bisherigen Leben noch nicht gezeigt hat…

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