Schulalltag in Indien

„Bist du die Deutsche?“, „Wie machst du das, dass deine Haut so hell ist?“, „Kennst du Hitler?“, „Magst du das Essen in Indien?“, „Wie ist das Haus deiner Gastfamilie?“, „Was ist der Beruf deines Vaters?“, „Vermisst du deine Eltern?“, „Hast du schon mal jemanden geküsst?“, „Wie kannst du so lange rennen?“, „Welchen Jungen in deiner Klasse magst du am meisten?“, „Wo liegt Deutschland?“, „Trinken die Deutschen wirklich so viel Bier auf dem Oktoberfest?“, „Welche Bedeutng hat der Name Dunya im Deutschen?“, „Warum benutzt du keine Bleichungscremes?“, „Warum bist du nach Indien gekommen?“. „Wie oft am Tag duscht man in Deutschland?“.

Nicht jede Frage, die man als Ausländerin in Indien beantworten soll, erscheint sinnvoll. Sie kommen von allen Seiten, jeder scheint zu wissen, wer ich bin, grüsst mich, kennt meinen Namn, stellt Fragen. Keine Ahnung, ob ich wirklich Teil der Schule bin. Ich stehe noch immer überall im Mittelpunkt, umgeben von einer Wand aus Geräuschen. Sie bilden ein Knäuel aus Stimmen, dass mich umgibt, fesselt, manchmal fast zu ersticken droht. Ich versuche es zu kontrollieren, doch es hält mich gefangen, packt mich von allen Seiten und hält mich immer fester. Dann tausend erwartungsvolle Blicke. Tausend neue Fragen, tausend Antworten, die ich jetzt geben soll, obwohl ich nicht eine der Fragen wirklich verstanden habe.

Der Lärmpegel bildet eine Einheit, wie weit entfernte Geräusche im Hallenbad und ich wünschte ebenso einfach in das stille, schwerelose Wasser eintauchen zu können, die Ruhe und die Sicherheit zu spüren und nicht das alles verstehen zu müssen. Hindi. Telugu. Eine Mischung aus beidem. Englisch. Oder Telugu? Mein Gehör hat nie gelernt, auf so viele Stimmen gleichzeitig zu reagieren, damit sind mir die Inder weit voraus. Ob ich angesprochen bin, erkenne ich an der Sprache, die sie wählen, auch wenn das Englisch genauso wie Hindi klingt. Es hat mich etwas Zeit gekostet, meine Mitschüler zu verstehen, aber inzwischen stellt das kein Problem mehr dar. Dass die Sprache immer wieder wechselt, ist nicht ungewöhnlich in einem Land mit über zwanzig Amtssprachen und mehr als dreißig Mal so vielen Dialekten, aber das Verständnis wird dadurch nicht unbedingt erleichtert. Zwar beginne ich langsam einige Hindi-Sätze zu verstehen, Telugu kann ich aber noch nicht und das ständige Wechseln zwischen den Sprachen ist sehr verwirrend. Ich weiß nicht, ob sie über mich sprechen, und wenn sie es täten, würde ich es doch nicht verstehen. Ich sehe nur das freundschaftliche Lächeln in ihren Augen, das mich dazu einlädt, noch weiter auf die vielen, vielen Fragen einzugehen. Aber es erinnert mich auch daran, dass dieser Kontakt schon wieder als zu intim angesehen werden könnte, in dieser Schule sind nämlich doppelt so viele Jungen wie Mädchen. Also gehe ich auf Abstand, komme aber bald wieder zurück. Zweifellos, ich mag die Leute hier viel zu gerne, um immer abzuhauen, wenn ein Gespräch Spaß zu machen beginnt und Freundschaft an sich ist ja zumindest nicht direkt verboten. Die Inder selbst lachen über ihre Regeln, suchen Wege, um sich vor den 284 Überwachungskameras zu verstecken und finden diese Wege auch.

Schule3

Ich fühle mich wohl hier, manchmal ist es sogar so, als wäre ich schon immer da gewesen und die Privilegien, die mir von allen Seiten zugesichert werden, weil sich die Lehrer und Betreuer gegenseitig reinzulegen versuchen, um mir noch mehr Privilegien zu ermöglichen, machen das alles sogar noch einfacher. Die Gruppe wendet sich wieder mir zu. Irgendjemand schleift einen Arm zu mir, weil noch immer niemand glauben kann, dass es mir gelingt Jungs zu Boden gehen zu lassen. Es war wohl nicht ganz so schlau gewesen, mich mit einem Aikido-Hebel aus dem Griff eines Klassenkameraden zu befreien, der mich spaßeshalber nicht aus der Tür gehen lassen wollte, denn seitdem weiß das eigentlich die ganze Schule und ich musste es mit zu ziemlich jedem einmal ausprobieren, weil alle einander beweisen wollten, dass es nicht an ihrer Schwäche liegt, dass sie zu Boden gehen, sondern an mir. Ich schiebe den Arm weg, genug Hebel erstmal. Die Leute lachen. Fragen. Lachen. Fragen. Ich versuche zu antworten. Noch mehr Fragen. Ich gebe auf. Auf einmal schreit jemand in gefühlt sieben Sprachen. Der Lehrer will Aufmerksamkeit. Stille. Für fast anderhalb Sekunden. Dann gehen die Gespräche wieder weiter als hätten sie nie aufgehört. Der Lehrer kontrolliert die Hefte, doch weiterhin bleibt die Aufmerksamkeit der Klasse fern von ihm. Von der Disziplin, die die Einheit der Schuluniform verspricht, kaum eine Spur. Gelernt wird zu Hause, die Schule ist zum Spaß haben besser geeignet. So sieht in etwa der tägliche Unterricht hier aus. Es macht Spaß, auch wenn es viel Arbeit für die Abendstunden bedeutet.

Heute ist dann etwas Überraschendes passiert: Nachdem ich schon am Wochenende wegen organisatorischer Schwierigkeiten nicht nach Hause gehen konnte, kam heute ein weiterer schulfreier Tag im Internat hinzu: Der ehemalige Präsident von Indien ist gestern Abend gestorben. Deshalb findet jetzt vorerst keine Schule mehr statt. Nachdem meine Zimmerpartnerinnen heute morgen um fünf Uhr geweckt wurden, um zu den „Extra-Classes“ vor der Schule zu gehen, wurden sie auf einmal wieder ins Bett geschickt. Wir haben Ferien, weil der frühere Präsident gestorben ist! Was für mich ziemlich ungewöhnlich klingt, wurde hier von allen erwartet und als normal angesehen und so hoffen einige sogar, dass wir morgen einen weiteren freien Tag bekommen. Aber ich würde mich auch über Schule freuen, weil ich dann meine Gastschwester wieder sehen könnte. Naja, ich bin gespannt was folgt …

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