Ich kann es kaum beschreiben wie sehr Letti und ich uns auf diese kleine „Reise“ gefreut hatten. Denn ab dem Moment, als die Prüfungen zu Ende waren, gab es in der Schule eigentlich fast nichts mehr zu tun. Die meisten Schüler waren schon längst in die Ferien abgereist, sodass sich nicht mehr lohnte, Unterricht abzuhalten und selbst für Aktivitäten oder Spielchen waren wir zu wenige. Im Unterricht waren wir nur noch zu sechst und im Internat fühlte ich mich auf einmal so alleine in meinem Zimmer, dass ich andere Mädchen darum bat, die drei freien Betten dort zu belegen, womit ich letzten Endes die Hälfte der Mädchen unseres Hauses bei mir wohnen hatte. Es gab wirklich nichts mehr zu tun für uns außer zwei Wochen lang die Tage bis zu unserer „Midstay Orientation“ zu zählen.
Und am letzten Donnerstag war es dann endlich soweit: Zuvor hatten wir noch unter Mühen unsere Flugtickets und Pässe von der Schule (zurück) erbettelt, da keiner genau wusste, wer jetzt eigentlich dafür zuständig war, sie uns auszuhändigen. Dann, nach dem Mittagessen, ging es endlich wirklich los. Lakshmi Mam, eine unserer Internatsbetreuerinnen, begleitete uns in einem der Schul-Autos, für das es natürlich einen eigens dafür angestellten Fahrer gibt – es gibt für wirklich alles Personal – zum Flughafen. Im Auto spielten Letti und ich laut Musik ab und genossen die sehr unterschiedlichen Reaktionen unserer Betreuerin. Als wir den Flughafen erreichten, ging alles ziemlich schnell. Von hier aus mussten wir selbst herausfinden, wie wir nach Bangalore kommen. Schon bald saßen wir dann im Flugzeug. Ich hatte mir am Flughafen für umgerechnet fast sechs Euro eine völlig überteuerte Packung Schogetten gekauft, auf der ein übertrieben großes „German quality“ Zeichen prangte.
Als wir anderthalb Stunden später in Bangalore ankamen, fiel es uns relativ leicht, die AFS-Freiwilligen zu finden, die uns hier abholen sollten. Danach ging es auch direkt zum Bus, wo wir noch zwei andere Austauschschüler aus Russland und Deutschland trafen. Die Busfahrt, in einem „Schlafbus“ war lang, aber die meiste Zeit lustig, auch wenn die beiden Jungs die ganze Nacht das einzige Bett in unserem Abteil okkupierten und wir so eigentlich nicht zu Schlaf kamen. Nach dieser langen Nacht hatten wir dann endlich das Ziel unserer Fahrt erreicht. Wir kamen am nächsten Morgen gegen neun im Hotel an. Diese Unterkunft war ehemals das Haus einer reichen Großfamilie gewesen, aus dem man ein Museum hätte machen können. Die Architektur war beeindruckend, auch wenn ich mich mehrfach in den Gängen und Innenhöfen verlief. Nachdem uns etwas Zeit zum Duschen und Frühstücken geblieben war, ging das Seminarprogramm auch schon los. Wir waren acht Austauschschüler und ein paar AFS-Betreuer. Trotz aller Müdigkeit hatten wir gleich ganz viel Spaß. Egal ob wir unsere Stimmungskurve oder unser indisches soziales Umfeld zeichnen mussten, wir kamen immer zu überraschenden Ergebnissen und dank regelmäßiger philosophischer Beiträge von italienischer Seite erhielt das alles sogar noch einen tieferen Sinn.
Zwischendurch gab es natürlich Mittag-und Abendessen – alles auf Bananenblättern (!) serviert – und als das Programm gegen zehn Uhr am Abend endete, durften wir für eine halbe Stunde in den Swimming Pool springen und danach wurde noch gemeinsam ein Hindi-Film angeschaut. Danach hätten wir eigentlich schlafen sollen (was zumindest ich auch wollte), aber da Italiener – ich will ja keine Namen nennen 😉;) – so früh grundsätzlich nicht schlafen, ging es noch einmal heimlich aufs Dach, auch wenn es uns nicht gelang, dort hinzukommen, wo wir eigentlich hin wollten. Gegen drei Uhr verabschiedete ich mich schließlich doch zum Schlafen und verlief mich sofort wieder im Hotel… Es war wirklich ein Glück, dass man Italiener aus zwei Kilometern Entfernung hören kann, denn so ganz ohne Licht lief ich erst einmal für eine Stunde in völliger Dunkelheit gegen verschlossene Türen und fiel auch ab und an eine viel zu enge Treppe herunter. Schließlich fand ich mein Zimmer aber doch mit Hilfe der anderen und das nächste, woran ich mich erinnern kann, ist, dass Letti mich am nächsten Morgen aufweckte.
Ich spürte zu meiner Überraschung kaum, dass ich so wenig geschlafen hatte, was nur gut war, da ich ansonsten diesen phantastischen Tag nicht hätte würdigen können. Uns wurde gesagt, wir sollen um 6:30 Uhr aufstehen, sodass wir bis spätestens um Acht starten können, als wir aber zehn Minuten vor Acht das Frühstück beendeten, hatten unsere Betreuer noch nicht einmal ihre Zimmer verlassen. Auch unser Bus kam beinahe anderthalb Stunden zu spät.
Der Bus war ein Schulbus, sah mit den rot gepolsterten Sitzen, dem endlosen Fußraum und den fünf Sitzen pro Reihe aber beinahe aus wie die erste Klasse eines Kurzstreckenflugzeugs. Es war allerdings unmöglich, unter diesen Bedingungen noch wach zu bleiben, weshalb ich mich nur noch daran erinnere, dass wir irgendwann angekommen sind. Wir hatten eine Einladung von einer örtlichen internationalen Schule, auf die auch zwei der AFS-Schüler gingen. Wir erwarteten dort eigentlich nur, die Räume benutzen zu dürfen und vielleicht noch ein Mittagessen in der Schulkantine zu bekommen, als wir aber schließlich dort ankamen, waren wir sprachlos: Schon bevor wir etwas sehen konnten, hörten wir ein Stimmengewirr, dass von mindestens zwei- oder dreihundert Personen stammen musste und vor uns standen Frauen, die uns mit roter Farbe einen Bindi (der indische Punkt auf der Stirn, der das dritte Auge symbolisiert) aufmalten und Blumengirlanden gaben. Als nächstes wurden Fotos gemacht, bis schließlich von hinter dem Gebäude, vor dem wir standen, eine Stimme ertönte: „Now, let us all welcome our special guests, who came from all around the world to see our country!“ Etwas nervös liefen wir nun also zu den für uns frei gelassenen Ehrenplätzen in der ersten Reihe, wissend dass ein paar hundert Augen auf uns gerichtet waren. Vor uns ragte ein mindestens 10 auf sieben Meter großes AFS-Plakat auf. Die gesamte Schulversammlung war nur für uns organisiert worden. Als nächstes richteten dann zwei Schülerinnen einige Worte an uns, das Morgengebet wurde gemeinsam abgehalten und ein Zitat für den Tag vorgelesen.
Dann ging das eigenliche Programm los: Nur für uns wurden verschiedenste Tänze aufgeführt, in phantastischen indischen Gewändern und mit einer tieferen Bedeutung, die man erkannte, wenn man nur richtig hinsah und die klassischen indischen Elemente zu deuten weiß. Wir waren so berührt, dass wir nicht wussten, wie wir auf das Ganze reagieren sollten. Einige von uns wurden darum gebeten, Grußworte an die Schule zu richten, danach ging es noch einmal zum Fotografieren. Als schließlich jeder Winkel aufgenommen war, wurden wir schließlich zur Fortsetzung des AFS- Seminarprogramms geschickt, das um die Mittagszeit endete. Und wieder gab es eine Überraschung von Seiten der Schule: Wir wurden nicht einfach wie alle anderen in die Kantine geschickt, sondern bekamen ein eigens für uns zubereitetes traditionelles indisches Mittagessen mit allem Drum und Dran – und natürlich auch, wie es sich in Südindien gehört – auf Bananenblättern. Zudem wurden wir noch zum Abendessen eingeladen.
Am Nachmittag ging es erst Mal raus in die Stadt. Wir wollten schließlich auch den Ort sehen, für den wir eine so lange Reise auf uns genommen haben. Erst besichtigten wir ein Königshaus, anhand dessen wir die regionalen indischen Architekturstile erkennen konnten. Dann wurden wir zu Kaffee und Zitronensaft eingeladen und zuletzt ging es noch auf den typisch indischen Basarstraßen zum Shoppen. Es war phantastisch!
Als das Programm schließlich zu Ende war, wollte eigentlich keiner von uns gehen, obwohl wir alle absolut fertig waren. Dennoch blieb uns nichts anderes übrig und so saßen wir nach zwei Stunden Wartezeit schließlich im Bus zurück nach Bangalore. Dieses Mal schreckten Letizia und ich die Jungen bewusst von Anfang an ab, um nicht noch einmal gestört zu werden und nach einem einstündigen Gespräch mit einem jüngeren AFS-Freiwilligen (mir tat wirklich leid, dass er während der ganzen Zeit in dem wackeligen Bus vor unserem Bett stehen musste, aber es ging eben nicht anders), entschieden wir uns schließlich, doch noch zu schlafen, um schon einmal gegen das drohende Schlafdefizit anzukämpfen. Am nächsten Morgen waren wir wieder in Bangalore, wo wir ins Haus eines AFS-Freiwilligen eingeladen wurden. Von dort aus zeigte uns der Mann noch etwas von seiner Stadt und kaufte für uns Snacks, bis wir dann schließlich zum Flughafen mussten. Wir hätten uns wirklich gewünscht, dass diese „Orientation“ etwas länger gedauert hätte.





