„Great Diwali sale!“…. ich glaube, dieser Satz war das erste, was ich von Diwali wahrgenommen habe. Überall war „great Diwali sale“ und die Stimmen aus der Werbung sind so einprägsam, dass sie noch immer in meinem Kopf herumschwirren. Ich kam selbst nicht dazu, einkaufen zu gehen. Aber das Kaufen besonderer, größerer Dinge in den Tagen rund um Diwali soll angeblich Glück und Sicherheit bringen. Deshalb hat sich meine Gastfamilie auch traditionsgemäß zu Diwali ein neues Auto gekauft.

Da ich selbst aber im Internat wohne, habe ich nur die drei eigentlichen Diwali-Festtage selbst miterlebt. Diwali ist das Fest des Lichts. Der hinduistischen Übrlieferung zufolge erinnert das Fest an den Tag, an dem der Liebling der Götter und des Volkes, König Rama, nach 14 Jahren unrechtmäßiger Verbannung und nachdem er seine Frau Sita aus den Fängen des Dämonenkönigs Ravan befreit hat, in sein Königreich zurück kehrt. Zuvor musste er aber noch Ravan in einem schweren Kampf und mit der Hilfe des Affenkönigs Hanuman besiegen.
Die Dekoration mit Lichterketten und Kerzen symbolisiert die Abertausende von Lichtern, die Ayedveda, das Königreich Ramas, am Tag seiner Rückkehr beleuchteten. Diwali wird in Indien auch von Anhängern anderer Religionen, z.B. von Buddhisten und Sikhs, gefeiert, allerdings mit einem anderen Hintergrund.
Die drei Hauptfeiertage bilden eine Art Steigerung. In den ersten beiden Tagen wird quasi gefeiert, dass Diwali bald kommt, vergleichbar mit unserem Advent vor Weihnachten. Obwohl Diwali das wichtigste Fest für die Kaste ist, der meine Familie angehört, merkt man am Vormittag noch recht wenig von der herannahenden Feier am Abend. Es wird ausgeschlafen, erst einmal gefrühstückt und man nimmt sich auf indische Weise viel Zeit für alles. Erst als ich mich anziehen möchte, wird eine Veränderung erkennbar: Meine Gast-Mutter schickt mich gleich noch einmal zum Umziehen, da man an Diwali kein Schwarz tragen darf.
Dann wird ein etwas aufwändigeres Mittagessen gekocht. Und schließlich beginnt die erste Aya-Zeremonie: Für den ersten Tag wird, ähnlich zu unserem ersten Advent, nur eine Kerze während der Zeremonie angezündet. Dann wird der elefantenköpfige Gott Ganesha symbolisch gebadet und mit Blättern bekleidet. Ihm werden Süßigkeiten, Blumen und Geld geopfert. Darauf folgt die gleiche Zeremonie für die Familiengöttin Lakshmi, die durch eine Reihe von Münzen symbolisiert wird, da sie unter anderem die Göttin des Wohlstands und des Reichtums ist. Lakshmi wird vor allem von Händlerkasten verehrt, zu denen auch meine Familie gehört.
Nachdem alle Götter gebracht wurden und jedem Familienmitglied ein roter Strich auf die Stirn gemalt wurde und Reiskörner darauf getupft wurden, folgt ein etwa 15minütiger Sprechgesang in Sanskrit, der als heilig und rein geltenden Sprache des Hinduismus. Danach bringt jeder noch ein eigenes Blumen- und Geldopfer dar, betet und empfängt niederkniend den Segen der Götter.
Nach dem Ende der Zeremonie folgt dann aber der wirklich harte Teil: Nach einer vollen Stunde in dem für mich sehr ungewohnten und unangenehmen Lotus-Yogasitz muss man ohne in die Knie zu gehen aufstehen und vor jedem einzelnen Ahnenbild im Haus gebeugt beten.
Dann folgt ein traditionelles Diwali-Abendessen und schließlich ein kleines Feuerwerk, mehr zum Spaß als im Sinne religiöser Tradition, denn der eigentliche Diwali-Tag ist ja noch gar nicht gekommen. Doch ein Feuerwerk gehört an einem Fest der Lichter einfach dazu. In Nordindien sollen die Leute sogar schon Wochen vor Diwali mit dem Abbrennen von Feuerwerk anfangen – aus purer Freude, dass bald Diwali ist. Dann, gegen 23:00 Uhr, geht es wieder zurück ins Haus und etwa eine Stunde später wird geschlafen.
Der nächste Tag verläuft recht ähnlich. Mit dem Unterschied, dass dieses Mal fünf Kerzen während der Zeremonie brennen und ein etwas größeres Feuerwerk veranstaltet wird. Um 23:00 Uhr geht es danach auch nicht gleich zurück ins Haus, sondern zum Einkaufen von Diwali-Geschenken. Also gehen wir zu einem Süßigkeiten-Laden namens „Sweet India“, um dort beinahe zwei Stunden lang getrocknete Früchte und Nüsse zu kaufen. Die meiste Zeit benötigt aber die Auswahl der Verpackungen.
Ich habe keine Ahnung, wann wir in dieser Nacht nach Hause kamen, aber das nächste, woran ich erinnere, ist, dass wir am nächsten Tag viel früher geweckt wurden als an den Vortagen. Dennoch läuft der Vor- und Nachmittag recht gemütlich ab. Das Einzige, worum wir uns sorgen müssen, sind Outfit und Mahlzeiten.
Am Nachmittag wird noch einmal eine Puja abgehalten. Dieses Mal mit 52 Kerzen. Und drei Stunden lang. Allerdings schicken mich meine Gasteltern anch einer Stunde mit meiner Gastschwester Sanjana los, um das Rangolie, ein Teppich-ähnliches Bild auf dem Boden, bestehend aus Blütenblättern und Farbpulvern, vor der Haustür vorzubereiten. Danach gingen wir mit unserem kleinen Bruder raus, um schon einmal das Feuerwerk zu starten. Zwischendurch gibt es noch ein genial leckeres Essen. Wir verbringen etwa vier bis fünf Stunden mit dem Feuerwerk. Danach treffen wir noch etwa eine Stunde lang Freunde.
Und spät in der Nacht geht Diwali dann zu Ende.
