Es war fast schon ein Schock zu realisieren, dass schon wieder Weihnachten ist. Wenn ich versuche zurückzudenken an die Zeit, in der ich hier angekommen war, wirkte Weihnachten immer wie eine Art Ziel. Bis Weihnachten wollte ich fähig sein, Hindi zu sprechen, bis Weihnachten wollte ich eine wirklich innige Beziehung mit meiner Gastfamilie haben, bis Weihnachten wollte ich zumindest zwei oder drei klassische indische Tänze beherrschen, bis Weihnachten wollte ich endlich alles verstehen. Und jetzt stand Weihnachten einfach vor mir, ungefragt und ohne wirklich bemerkbar zu sein und ich musste akzeptieren, dass ich meine Ziele nicht so erreicht habe, wie ich sie hatte erreichen wollen. Doch es war nicht die Zeit um darüber nachzudenken. Es war Weihnachten, das wahrscheinlich stressigste Fest im Jahr. Insbesondere, wenn man aufgefordert war, alleine in Indien eine Weihnachtsfeier zu organisieren. Ohne geeignete Materialien zu haben, ohne jemanden, der mich daran erinnern konnte, was zu einer Wehnachtsfeier dazugehört.
In Visakhapatnam’s Geschäften war beinahe nichts von Weihnachten angekommen und außer einem Plastikweihnachtsbaum und ein paar Christbaumkugeln gab es eigentlich nichts, was man hätte kaufen können. Das hieß kaufen, was auch immer man finden konnte und das Beste daraus machen. Weiße Kerzen rot anmalen, Tannenzweige aus Palmblättern basteln und eine Weihnachtsgrippe aus Papier und Kartons. Und noch schwieriger: Ein Weihnachtsessen ohne Fleisch und mit Chilly erfinden. Daran, eine Kirche mit englischsprachigem Gottesdienst zu finden, scheiterte ich allerdings. Also wurde der Weihnachtsgottesdienst übersprungen und es gab vor dem Essen schon die Bescherung.
Es war wirklich schön zu sehen, dass auch meine Familie mir eine Kleinigkeit besorgt hat, um die „Tradition“ zu pflegen. Dann wurden Weihnachtslieder abgespielt und wir gingen schließlich essen, weil ich keine Idee hatte, was ich hätte kochen können, das Weihnachten und gleichzeitig Indien gerecht wird. Manchmal habe ich mich gefragt, ob es nicht auch schön gewesen wäre, Weihnachten im Internat zu verbringen. Mit meinen Freunden und vor allem mit Leuten, denen das Fest vertraut ist und zu denen ich mich damals schon viel mehr zugehörig fühlte. Aber als ich letzten Endes am Weihnachtsabend nach all den stressigen Vorbereitungen mit meiner Familie zusammensaß, wurde mir klar, dass ich mich zum ersten Mal richtig als Teil dieser Familie gefühlt habe. Und das war auch der Moment, in dem sich Weihnachten endlich wie ein richtiges Weihnachtsfest anzufühlen begann.