Silvester im Internat

Es lagen nur zwei Schultage zwischen Weihnachten und Neujahr. Doch dieses Mal würde ich in der Schule feiern. Der Grund dafür war hauptsächlich, dass meine Internatsleiterin wenige Tage später die Schule verlassen würde und sie bis jetzt diejenige Person war, die mir in Indien am nächsten stand. Ich hätte es nicht übers Herz gebracht, die letzten Tage, die ich mit ihr zusammen sein konnte, anderswo zu verbringen. Außerdem war ich auch froh darüber, einmal ein Fest mit meinen Freunden feiern zu können, mit denen ich immerhin die meiste Zeit hier verbrachte.

Leider waren meine Zimmerpartner schon abgereist, um die Ferien zu Hause zu verbringen, alle anderen Schüler blieben aber da. Der Neujahrstags verlief einigermaßen normal. Wir hatten Schule am Vormittag und Sportzeit am Nachmittag. Doch dann die gute Nachricht: Keine Studierzeit!! Wir dürften draußen bleiben bis zum Abendessen! Das hieß Volleyball im Scheinwerferlicht und auf einmal waren alle draußen. Es war eine Leichtigkeit da, eine Vorfreude auf etwas, wovon ich noch nicht wusste, was es ist. Keiner sprach mehr über die nahenden Prüfungen, alle lachten so viel und es kamen kaum Lehrer, um uns zu überwachen. Alle waren einfach gut gelaunt, so dass der Alltag keine Rolle mehr spielte. Ich war fast schon enttäuscht,  als zum Abendessen gepfiffen wurde, doch auf einmal fragte ein guter Freund von mir: „Und freust du dich schon auf die Party heute Abend?“

Party? Ich hatte wirklich nicht erwartet, dass die Schule mehr anbieten würde als eine Verlängerung der Sportzeit. Dennoch hatte ich keine genaue Vorstellung davon, wie eine „Party“ auf dem Schulgelände, organisiert von der Schule, in Anwesenheit aller Autoritäten und zwischen lauter Überwachungskameras, genau aussehen sollte. Doch dass man sich kleiden dürfte, wie man wollte, klang schon mal gut. Die Mädchen zogen Kleider an, die aussahen, als wollten sie auf einen Ball gehen und selbst die Jungen waren beinahe formell gekleidet.

Dann, gegen neun, trafen wir uns alle draußen im Freien. Ein riesiges Feuer war in der Mitte einer Wiese angesteckt worden und darum ein noch größerer Stuhlkreis aufgebaut. Es war überraschend kalt für eine indische Nacht und die Temperaturen kühlten auf beinahe 20 Grad herunter. Dann wurde eine Art „Flaschendrehen“ in großer Runde gespielt. Da die Fragen allerdings von der Schule gestellt wurden, war das selbst für die indischen Schüler langweilig. Dann wurden noch zwei andere Spiele durchgeführt, für die Jungen und Mädchen getrennt wurden.

Danach begann aber erst der Teil, auf den alle solange gewartet hatten: Es war nichts außer laute Musik auf dem Basketballplatz. In Indien schon genug, um auf einmal die gesamte Schule mitsamt den Autoritäten tanzen zu lassen. Dann auf einmal um genau Null Uhr ging ein Feuerwerk vor uns in die Luft und ein Kuchen wurde angeschnitten. Die Leute begannen, sich zu umarmen (natürlich nur innerhalb des eigenen Geschlechts) wobei es durchaus einige gab, die sich wiedersetzten und auch heimlich Schüler des anderen Geschlechts und natürlich die von allen geliebte Internatsleiterin Kanishka Ma´m zu umarmen. Leider wurden wir viel zu bald wieder rein geschickt. Mit dem Ende des Feuerwerks fand auch die „Party“ ein Ende. Es war das einzige und letzte Mal, dass ich etwas so Schönes in der Schule erleben dürfte.

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