Die misslungene Abschiedsfeier

Es wurde Februar und ein Gefühl der Endlichkeit erreichte schließlich auch mich. Ich wusste, dass es noch lange nicht vorbei war, noch würden mir vier Monate bleiben und den Zwölftklässlern weitere drei. Doch es war das Ende des Alltags, wie ich ihn kannte, der das Gefühl von Abschied erzeugte. Es war nicht einmal mein Alltag, der sich allzu sehr verändern würde, doch der meiner besten Freunde. Denn mit dem Ende der zwölften Klasse rückten die Abschlussprüfungen näher und es würde dann keine Zeit mehr für Dinge wie Spaß, Schlaf oder Freizeit geben. Ab jetzt waren für sie nur noch drei Stunden Schlaf pro Nacht und zwei Stunden Pause am Tag, zum Einnehmen der Mahlzeiten, geplant. Es war klar, dass ihnen von nun an keine Zeit und keine Nerven zum Pflegen von Freundschaften übrig bleiben würden, egal wie sehr ihnen diese am Herzen lagen. Sie würden zwar noch physisch anwesend sein, es würde sich aber so anfühlen,  als wären sie schon gegangen und in dem Moment, in dem ihre letzte Prüfung geschrieben war, würden sie wirklich gehen.

Die gemeinsame Zeit mit ihnen war also vorbei. Es war wirklich ein Abschied und ich spürte ihn mit jedem Tag näher rücken. Doch dann gab es eine schöne indische Tradition, die diesen Abschied erleichtern sollte. In Indien ist es nämlich üblich, dass die Elftklässler für ihre „Seniors“ noch eine Abschiedsfeier ausrichten, bevor deren Prüfungsstress richtig losgeht. Dementsprechend war es natürlich sehr wichtig für alle und insbesondere auch für mich, diese Feier so gut wie möglich zu organisieren. Für gewöhnlich wird den Schülern dafür mindestens eine Woche, wenn nicht noch länger von der Schule zur Verfügung gestellt, um die Feier angemessen vorzubereiten. Wie sie das Programm genau organisieren, steht den Schülern dabei für gewöhnlich frei, solange sie einen Teil aussparen, nämlich die so genannte „Blessing Ceremony“ von Seiten der Schule. Allerdings ist es üblich, das Programm so zu gestalten, dass am Ende jeder Elftklässler auf der Bühne steht und nach Möglichkeit tanzt. Deshalb wird viel Aufwand für Proben, Musikauswahl und dress code betrieben.

Leider war es dann aber doch nicht so einfach wie wir dachten. Die Schulleitung war nämlich dagegen, dass die Feier überhaupt veranstaltet werden sollte, trotz allen vorherigen Versprechungen!  Damit wären wir vielleicht die einzige Schule Indiens gewesen, die keine Feier für ihre Absolventen veranstaltet und das, obwohl diese sich im Jahr zuvor selbst die Mühe gemacht hatten, das gleiche für ihre Seniors zu tun. Es wäre unfair gewesen – nicht nur gegen uns, sondern vor allem auch gegen die Seniors. Das Verweigern dieser schönen Geste war das eine, das Verbieten eines wirklichen Abschieds von unseren besten Freunden war das andere. Wir konnten dies einfach nicht akzeptieren!

Deshalb kämpften wir lange um die Erlaubnis, diese Feier durchführen zu dürfen und bekamen diese Erlaubnis schließlich doch noch. Leider war die Schulleitung aber noch immer nicht wirklich überzeugt und versuchte deshalb, dem Gelingen der Feier entgegenzuwirken: Die Feier wurde genau eine Woche vor unsere eigenen Endjahresprüfungen gelegt, also in einer Zeit, in der sich in Indien alleine die Zeugnisnote entscheidet. Ich habe sicher schon einmal erwähnt, dass Lernen und Noten so in etwa das Wichtigste im Leben eines indischen Schülers sind und jede Ablenkung davon von den Eltern zu verhindern gesucht wird. Deswegen baten unsere Mitschüler schließlich Letizia und mich um Hilfe. Da das Prüfungsergebnis für uns ja bei weitem nicht so viel bedeutet wie für sie, baten sie uns, unsere Zeit für die Organisation der Feier zu opfern. Natürlich hätten wir dazu nicht nein sagen können. Also ging es an die Vorbereitung: Meine Gastschwester Sanjana war die einzige Inderin, die uns wirklich aktiv half, indem sie die Tanzkoreographien und die Einladungskarten übernahm. Letizia kümmerte sich um Dekoration und Materialien, ich mich um das Programm, die Musik, das Essen und die Kommunikation zwischen uns und der Schule.

Leider wurde uns die Organisation immer weiter erschwert. Aktivitäten wurden zugesagt und in dem Moment, in dem wir die Organisation abgeschlossen hatten, wieder abgelehnt: So wurde uns ein Banner versprochen, das wir gestalten sollten, doch als wir endlich damit fertig waren, wurde es uns verboten, sodass Letizia nichts anderes übrig blieb, als eines mit Wasserfarben auf zusammengeklebte Din-A4-Blätter zu malen (das Ding hätte 8 x 10 Meter groß sein sollen) Doch sobald sie damit begonnen hatte, wurde ihr auch das verboten. Ich sollte einen Speiseplan aus den Menüs, die die Schule normalerweise anbot, zusammenstellen, doch als ich ihn abgab, wurde er einfach weggeschmissen. Wir planten ein Theaterstück, doch sobald wir es ein wenig einstudiert hatten, entschied die Schulleitung, dass sie das nicht wollte und so ging es weiter. Zu all dem kam noch, dass uns die Proben für die Tänze immer weiter eingeschränkt und schließlich ganz untersagt wurden. Als wir Musik vorschlugen, durften wir ausschließlich englische Lieder auswählen, die weder Schimpfwörter noch Anspielungen auf Liebe beinhalten dürften. Wir mussten schließlich instrumentelle Musik verwenden.

Vor allem aber der Umgang mit mir, als derjenigen, die immer Nachrichten von den Schülern zur Schulleitung weitergeben musste, wurde der immer grober und unfreundlicher. Bald schon musste ich mir von der Schulleiterin Sätze wie „Verpiss dich” anhören oder: “Eine Schülerin der elften Klasse verdient es nicht, mit mir zu sprechen, das bist du nicht wert!“

Ich fühlte mich durch diesen Umgang unglaublich gekränkt: Nicht nur deshalb, weil ich das Gefühl hatte, dass meine Arbeit und der viele Aufwand, der mich Tage und Nächte gekostet hatte, einfach nicht anerkannt wurde und sogar teilweise im Papierkorb landete. Die Umgangsweise und der Ton verletzten mich sehr und ich war in der Situation hilflos. Ich konnte es beim besten Willen nicht verstehen, wie eine Autoritätsperson sich einer solchen Sprache bediente. Kann man nicht einen gegenseitigen  respektvollen Umgang erwarten? So nach dem Motto: Wie du mir, so ich dir? Mir blieb nichts anderes übrig als diesen Umgang zu tolerieren, denn ich wollte keinen Streit riskieren, in dem ich sowieso keine Chance auf Gerechtigkeit hätte. Doch ich war einfach verletzt; ich wollte mit niemandem mehr sprechen; ich wollte nichts mehr machen, ich wollte einfach nur alleine sein. Ich erlitt den Kulturschock, der schon so lange auf sich hatte warten lassen. In einer Situation , in der mir so etwas nicht hätte wiederfahren dürfen.

Aber ich musste weitermachen, diese Feier war ja nicht für mich!

Doch ich wusste, ich musste mit jemandem darüber reden, einfach weil es mich so irrational fertig machte. Aber mit wem? Für die Inder war dieser Zustand normal, sie konnten nicht  verstehen, warum ich so verletzt war. Mit Letti zu reden ging nicht, sie steckte selbst zu tief in der Sache mit drin und würde wahrscheinlich, um mich zu unterstützen, die ganze Feier über Bord werfen. Mit meinen Zimmerpartnern konnte ich auch nicht einfach darüber sprechen; schließlich sollte die Feier für sie eine Überraschung sein. Sie wussten nichts von der ganzen Planung.

Naja, theoretisch gab es ja eine Person, die für genau solche Probleme zuständig war: Meine Betreuerin Frau Kalyani Rao. Nur vertraute ich genau dieser Person schon lange nicht mehr. Sie war niemals diejenige gewesen, mit der ich über ein Problem sprechen konnte oder von der ich mir Hilfe erwarten würde. Aber es gab auch sonst niemanden, an den ich mich hätte wenden können. Also entschied ich mich, gegen mein ungutes Gefühl, und ging zu ihr.

Doch in dem Moment, in dem ich zu ihr kam, hatte sie schon wieder etwas ganz anderes vor: Sie wollte, dass Letizia und ich ein Video für AFS drehten, das als Werbung an Eltern geschickt werden sollte und dessen Inhalte eine Art Loblied auf die Schule sein sollten. Es war wirklich nicht der richtige Zeitpunkt, um mich um so etwas zu bitten. Also sagte ich, dass ich an diesem Tag nicht dazu fähig sein würde und ging. Am nächsten Tag kam meine Betreuerin Kalyani wieder mit der gleichen Forderung auf mich zu. Natürlich ging es mir nicht besser, da weder die Behandlung von Seiten der Schulleitung sich geändert hat, noch ich mit irgendwem darüber gesprochen hatte. Also gab ich ihr die gleiche Antwort wie am Vortag.

Dieses Mal nahm sie meine Entschuldigung nicht einfach so hin und wollte sogar wissen, was los ist. Das ließ ich mir natürlich nicht zweimal sagen. Ich überlegte mir gut, was ich sagen sollte, denn ich wollte mir mit diesem Gespräch nicht selbst ins Bein schießen. Also erklärte ich nur kurz, was passiert war und versuchte mich dabei so genau wie möglich an die Worte zu halten, die auch die  Schulleiterin benutzt hatte. Dann erklärte ich ihr, wie sehr mich das alles innerlich verletzt hatte und, dass ich glaubte, einen Kulturschock zu haben. Ich wollte noch weiter ausführen, warum das Geschehene mir so fremd war, doch Kalyani ließ das nicht zu. Sie begann, mich anzuschreien: Ich hätte das Verhalten der Schulleitung nicht zu kritisieren. Sie ging sogar noch weiter und sagte, ich als Ausländerin hätte sowieso keine Verantwortung in der Schule zu übernehmen und kein Recht, bei der Organisation dieser Feier mitzuwirken. Sie holte noch weiter aus, um mir an den Kopf zu werfen, dass ich mir nicht einbilden solle, den hohen Ansprüchen der Schule gerecht zu sein.

Das reichte mir. Ich musste mir so etwas nicht anhören. „Es war ein Fehler mit ihnen zu sprechen“,  flüsterte ich, unsicher, ob sie das gehört hatte. Dann stand ich auf und ging, zu den Gymnastikstangen hinter dem Sportplatz, dem einzigen Ort, an dem meistens niemand war. Zwar konnte man mich dort von überall  aus sehen, dennoch würden die meisten mich nur aus mindestens zwanzig Metern Entfernung beobachten. Ich biss mir auf die Lippe, ich dürfte jetzt nicht weinen. „Diese Feier ist nicht für mich“, flüsterte ich immer wieder. Es wäre nicht fair, aufzugeben. Und ich war jetzt in Indien. Es war an der Zeit, in diesem Land Stärke zu lernen. Also blieb ich sitzen und befahl mir selbst, stark zu bleiben, bis mich irgendwann einige meiner Freunde entdeckten und zu sich riefen. Es war eine der schwersten Dinge, die ich je getan hatte, dort zu sitzen und so zu tun, als ob nichts wäre. Aber wie hätte ich erklären sollen, was los war, wenn ich auf einmal zu weinen begonnen hätte? Ich wusste doch selbst nicht, was mein verdammtes Problem in dieser Situation war.

Und am nächsten Tag wollte Kalyani schon wieder, dass ich das Video für die Schule aufnahm. Ich sagte ihr, es wäre momentan einfach nicht angemessen, das von mir zu verlangen. Sie antwortete daraufhin, dass etwas mit meinem Kopf falsch laufen würde und dass ich „mentally retarded“ sei. Und das sagte sie vor allen ihren Kollegen! Ich bat sie nicht so mit mir zu sprechen, woraufhin sie wütend wurde. Dennoch betonte ich noch ein weiteres Mal, dass ich bereit war, dieses Video auch gegen meinen Willen zu machen, aber nur mit Erlaubnis meiner Eltern und wenn ich meine Worte selber wählen dürfte.

Daraufhin zerrte sie mich wütend in die Kabine des stellvertretenden Schulleiters, immer noch laut schreiend. Vor diesem schrie sie mich weiterhin an und warf mir vor, mich gegenüber Lehrern, Management  und Personal respektlos zu verhalten. Ich wusste nicht, woher dieser Vorwurf kommen sollte, da ich ein extrem gutes Verhältnis mit all meinen Lehrern hatte, was diese mir sogar schriftlich bestätigten und eigentlich die einzige Schülerin war, die einen einigermaßen respektvollen Umgang mit Küchenpersonal und Putzfrauen pflegte, während die meisten indischen Schüler sie als Untergebene betrachteten und entsprechend behandelten. Was das Management anging, so war sie eigentlich die einzige, mit der ich regelmäßig zu tun hatte. Trotzdem sagte ich in Anwesenheit des stellvertretenden Schulleiters erst einmal nichts. Dann forderte Kalyani ihn dazu auf, mir anzudrohen, mich von der Schule zu schmeißen, wenn ich nicht bereit wäre, dieses Video zu drehen. Das tat dieser auch mit der Begründung, dass es ihre vertragliche Pflicht gegenüber AFS sei, mich bei ihnen aufzunehmen und es genauso meine sei, dieses Video zu drehen. Er erklärte, dass er sich seinerseits nicht verpflichtet fühle, seinen Teil der Abmachung einzuhalten, wenn ich nicht bereit wäre, meinen Teil zu übernehmen. Ich wusste zwar, dass es keinen Vertrag gab, in welchem ich mich dazu verpflichtet haben könnte, ein solches Video aufzunehmen, entschied aber, keinen Konflikt deswegen zu riskieren und lieber zu schweigen, bis er mich dazu aufforderte, Stellung zu beziehen. Als er genau dies tat, antwortete Kalyani an meiner Stelle, betonte noch einmal wie respektlos ich mit jedem in der Schule umginge und wie unverschämt es sei, mich zu weigern, dieses Video zu drehen, nach allem, was die Schule für mich getan habe.

„Sollte sie nicht eigentlich auf meiner Seite sein?“, dachte ich mir immer wieder. Meine Gedanken drehten sich geradezu um diese Frage, schließlich war der Hauptgrund, warum wir eine solche Betreuerin hatten, uns vor Konflikten mit der Schule zu bewahren und nicht, diese auszulösen.

Der stellvertretende Schulleiter forderte mich noch einmal auf, zu antworten und wieder nahm mir Kalyani das Wort. Also wartete er noch einmal, bis sie fertig war und betonte dieses Mal scharf, dass er eine Rechtfertigung meinerseits hören wolle. Ich erklärte also, dass es mir lediglich darum ginge, eine Erlaubnis meiner Eltern zu haben, da das in Deutschland verpflichtend sei. Ich sagte auch, dass ich prinzipiell dazu bereit sei, das Video mit meinen Worten aufzunehmen, obwohl es mir natürlich trotzdem in dieser Situation zuwider war. Er schien damit an sich keine Probleme zu haben und sagte, ich solle das Video alleine am Abend aufnehmen. Daraufhin fühlte sich Kalyani nicht ernst genommen und begann loszuschimpfen, ich wolle das Video doch nur alleine aufnehmen, weil ich den Ruf der Schule in den Dreck ziehen und mich in Wirklichkeit über die Schule beschweren wolle. Ich erwiderte, ein wenig beleidigt, dass das doch überhaupt gar keinen Sinn machen würde, in einem Video, das bei der Schule abzugeben ist, schlecht über die Schule zu reden und dass das außerdem auch nicht in meinem Interesse sei. Der Schulleiter stimmte dem zu, was Kalyani noch weiter verärgerte und veranlasste, mir noch weitere Dinge vorzuwerfen und zu prophezeien welch schlechte Dinge ich über die Schule sagen würde. Sie ließ sich dabei nicht mehr beruhigen, bis der stellvertretende Schulleiter sie schließlich bat, den Raum zu verlassen. Dann machte er mit mir aus, dass ich nach der Schule kommen und nach einer Kamera fragen sollte, um das Video schließlich am Abend zu drehen und am nächsten Morgen abzugeben. Er betonte, dass ich dabei keinen anderen Schüler zu stören hatte. Die Vereinbarung war, nachdem  Kalyani gegangen war, schnell beschlossen, was mir ganz recht war, da am Abend des selben Tages schon die Feier für die Zwölftklässler stattfinden sollte. Sobald ich aber den Raum verließ, empfing mich erneut  Kalyani. Sie folgte mir, bis wir schließlich ein bisschen weiter von den anderen entfernt standen. „Na warte“, sagte sie, „ich habe der Schulleiterin noch nicht erzählt, was du über sie gesagt hast.“ Ich erwiderte, dass ich mich nicht negativ über sie geäußert hätte, worauf sie nur meinte, dass ich schon sehen würde.

Wenige Minuten später kam eine ganze Gruppe indischer Schüler angerannt. Ich solle schnell kommen, denn Kalyani „schütte Masala in die Wunde“. Ich wusste zwar nicht was sie meinten, kam aber trotzdem mit. Dort angekommen, musste ich selbst hören, wie Kalyani der Schulleiterin viele Unwahrheiten über mich erzählte. Sobald sie mich aber bemerkte, wechselte sie auf Telugu, was natürlich nicht viel änderte, da alle meine Freunde Telugu gut verstanden. Ich wollte mir das aber dennoch nicht anhören und verließ das Schulhaus sofort wieder. Meine Freunde folgten mir sofort, wussten aber, dass es eigentlich nichts zu sagen gab. Keiner wusste, was passiert war, aber jeder ahnte, dass, was auch immer geschehen war, nicht fair sein konnte. Niemand fragte. Sie warteten einfach neben mir, warteten darauf, dass ich in irgendeiner Weise reagieren würde. Also reagierte ich. Und ging alleine zurück ins Internat. Doch auf dem Weg dorthin wurde ich schon wieder aufgehalten. Und zwar von einem Lehrer nach dem anderen. Sie alle wirkten ein wenig besorgt, fragten mich, wie es mir ginge oder ob etwas passiert sei. Sie wussten etwas, wollten mir davon aber nichts sagen, außer, dass ich vorsichtig sein sollte. Ich bemühte mich sehr, mir keine Sorgen zu machen, aber die ständige Kontaktaufnahme der Lehrer verunsicherte mich ein wenig, vor allem, weil sie mich immer wieder ansprachen, sobald sie mich sahen und jedes Mal die gleichen Fragen stellten. Aber ich musste weiter machen.

Ich gab noch die endgültige Version der Spiele ab und wollte mich gerade umziehen, als auf einmal die Schulleiterin hinter mir stand. Ich wusste nicht, mit wem sie sprach, doch sie sagte betont laut. „I don’t want Dunya to participate in anything. Change her games!” Es bestand kein Grund für mich, deswegen stehen zu bleiben. Ich wusste ja, dass jetzt etwas passieren würde. Da mir klar war, dass das Ausmaß der Katastrophe für alle, die jetzt noch auf die Schnelle etwas ohne meine Beiträge organisieren sollten, noch viel größer war. Und schon bald wurde mir klar, dass die Schule stattdessen die Schüler jüngerer Kassen dazu aufgefordert hatte, das Programm zu organisieren. Das Problem war so offensichtlich, dass selbst die Zwölftklässler alles mitbekamen. Doch deren Reaktion ärgerte die Schulleitung schließlich noch mehr: Nachdem ein Schüler deutlich ankündigte, dass er nicht bereit sei, zu kommen, wenn das ganze Programm gestrichen wird und ich nicht mitorganisieren dürfe, folgte ihm die ganze Jahrgangstufe.

Daraufhin wurden die Elftklässler quasi dazu gedrängt, die Zwölfer zum Kommen zu überreden, selbst ich. Da das aber ohne größeren Erfolg blieb, rief die Schulleiterin den Jungen zu sich, der die anderen vom Boykott der Feier überzeugt hatte. Sie sagte ihm, dass er entweder dafür sorgen musste, dass alle Mitschüler zu der Feier kamen, oder sie würde ihn durch seine praktischen Abschlussprüfungen fallen lassen. Das war auch der Grund, weshalb sogar ich an diesem Abend anwesend war. Ich saß am Rand des Publikums aus der elften Klasse, das von der Schulleitung von der Abschlussklasse getrennt worden war. Ich fragte mich nach dem Sinn einer solchen Feier, bei der die Gastgeber von den Gästen getrennt saßen. Vorne standen zwei Schüler, an der Stelle, an der eigentlich ich hätte stehen sollen. Sie lasen meine Worte von einem Blatt ab und alle Anwesenden wussten, dass dies meine Worte waren, die auf der Bühne unsicher abgelesen wurden. Die Spiele wurden geändert und hatten dadurch ihren Sinn völlig verloren und die vortragenden Schüler verstanden die Spiele nicht, weshalb die Abschlussklasse  sehr enttäuscht war und nur aus reiner Höflichkeit mitspielte.

Dann folgten noch lange Reden von Lehrern und eine über eine Stunde dauernde vollkommen langweilige Segenszeremonie. Die Beiträge der Lehrer, die ich organisiert hatte, waren gestrichen worden, der improvisierte Tanz vollkommen schief gelaufen. Es gab nicht einmal ein gutes Abendessen und die versprochene Stunde, in der wir hätten tanzen sollen, wurde auf zehn Minuten beschränkt. Stattdessen wurden nur ein paar Fotos für die Webseite der Schule gemacht, sodass die Schule sagen konnte, die Abschlussfeier habe stattgefunden. Immer wieder schauten Lehrer und Zwölftklässler zu mir rüber, doch ich wollte nicht gesehen werden, zu sehr schämte ich mich für diese vollkommen misslungene Feier.

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