Zurück in Deutschland, in vertrauter Umgebung, zwischen den auf einmal so fremden Freunden, mit den bekannten Gerüchen, die ich schon längst vergessen habe. Es ist die Welt, die ich viele Tage lang vermisst habe, in der ich weiß, wie man sich zu verhalten hat, in der meine Erinnerungen spielen. Die Welt, die mir so nahe steht und die jetzt doch so anders scheint. Ich sehe noch immer die gleichen Dinge, die ich hier schon immer gesehen habe, doch ich sehe sie mit anderen Augen.
Indien liegt hinter mir wie ein glatt gebügeltes Farbknäuel. Komisch, von weitem sieht alles viel einfacher und strukturierter aus. Ich vermisse das Wirrwarr aus Eindrücken, Ängsten und starken Emotionen, das mich zehn Monate lang in sich gefangen hielt. Ich vermisse die Menschen, deren Gegenwart mich in Indien ankommen ließ, um die sich mein Leben für so lange Zeit drehte. Ich bin nach Indien gekommen und dort in ein schon angefangenes Leben eingestiegen und hatte dieses, ohne es zu Ende zu führen, zurückgelassen. Es ist mehr als ein anderes Leben, das ich in Indien gelassen habe, es ist meine zweite Identität, eine weitere Version von mir selbst, mir so ähnlich und doch so anders. Ich vermisse die Gedankenlosigkeit dieser Person, die ich in Indien war, die ich auf irgendeine Weise noch immer bin, die sich tief in mir vor Deutschland versteckt. Ich vermisse die ehrliche Freude, die diese Person empfinden konnte, das Einfache an dieser Person, ja sogar die Unkompliziertheit. Manchmal, wenn ich mit indischen Freunden telefoniere, erwacht sie zum Leben und erlaubt es der „deutschen Dunya“ sich kurz vom stressigen Alltag zu erholen. Doch das Wichtigste ist, dass beide Identitäten ein untrennbarer Teil von mir geworden sind, von einer dritten Dunya, die in diesem einen Jahr älter und reifer geworden ist.
Dass eine solche Erfahrung prägend ist, versteht sich von selbst und darauf möchte ich auch nicht weiter eingehen. Allerdings ist ein solcher Abschlussbericht noch einmal eine gute Gelegenheit, die schönen, aber auch weniger schönen Momente dieses Auslandsjahres Revue passieren zu lassen.
Es wäre auch sinnlos zu versuchen, diese Momente aufzulisten. Es waren eben die kleinen Dinge im Alltag, die so besonders erscheinen. Die Freundlichkeit, die einem als Ausländer in Indien entgegengetragen wird, der unzerstörbare Optimismus derer, die am wenigsten haben und am schlechtesten behandelt werden und die vielen kleinen Wege, um Krisensituationen zu überwinden. Die Art, wie im Internat aus nichts als weißem Papier wunderschöne Karten entstanden, sich nur aus dem Miteinander-Sein Feste entwickelten. Die Einfachheit alltäglicher Freude und die Schwere der Tradition. Jeder Tag barg ein Erlebnis der besonderen und jederzeit anderen Art und oft waren es auch oder gerade die Konflikte, die dem Leben in Indien seinen Reiz gaben. Es war auch oft die Überwindung, die zur Anpassung an das neue Land gehörte, die letzten Endes tatsächlich zu den schönen Erinnerungen gehört.
Aber noch wichtiger als alles Erlebte zusammen waren die Menschen, die ich zu schätzen und zu lieben gelernt habe. Die ich jetzt so sehr vermisse, dass es fast schon wehtut. Freundschaften, die mir gezeigt haben, dass man eine Person nicht lange und gut kennen muss, um für sie da zu sein und dass man seinen Freunden mehr geben kann als man zu haben glaubt. Ein Aufeinander-Zugehen, das über das mir bisher Bekannte hinausgeht. Beziehungen, die sich nicht nur aus gegenseitiger Zuneigung, sondern oft auch aus der Tatsache, dass man 24 Stunden am Tag zusammen war, speisten. Menschen, die mir so überzeugend das Gefühl gaben, zu wissen wer ich bin, dass ich mir selbst die Frage nach der eigenen Identität gar nicht mehr zu stellen brauchte. Menschen, die einem näherstehen, als dies irgendjemand zuvor gekonnt hätte. Menschen, die das sind, was ich mein Leben lang aus dieser Erfahrung mitnehmen werde. Klar hatte ich schon vor Indien gute Freunde gehabt. Doch diese indischen Freundschaften waren anders, irgendwie tiefer und durch gemeinsame Erfahrungen geprägt. Das Chaos an Emotionen, das ich mit diesen Menschen gemeinsam durchgestanden habe, verbindet mich mit ihnen auf eine so ganz andere Weise, die meine deutschen Freunde niemals verstehen werden.
Aber noch wichtiger als alle meine Freunde in Indien war eine Person: Meine Internatsleiterin, die leider Anfang Januar die Schule verließ. Ich habe noch nie zuvor eine Person wie sie getroffen! Ihre Art, sich gegen alles Unrecht zu stellen, obwohl sie es damit den Anderen ermöglicht, ihr in gleicher Weise Unrecht zuzufügen. Die Ideale, die sie sich setzte und denen sie unter allen Umständen folgte, für die sie sich aufzuopfern bereit war. Die Art und Weise, in der sie in der Lage war, Menschen zu bewegen und zu überzeugen. Sie war immer diejenige, die es schaffte, mir in Konfliktsituationen die indische Perspektive zu erläutern und die schließlich auch bewirkte, dass ich die indischen Grundüberzeugungen nicht nur nachvollziehen, sondern auch für mich selbst übernehmen konnte. Sie brachte mir bei, Disziplin zu haben und zu lieben. Gleichzeitig war sie für mich da, war die Person, die mich in den Arm nehmen konnte, wenn es mir schlecht ging, die mich gegen die ganze Welt verteidigt hätte, wenn es notwendig gewesen wäre. Ich könnte noch ewig weiterschreiben und mehr über diese Frau erzählen. Doch es gibt keine Beschreibung, die ihr auch nur im Ansatz gerecht würde. Als die Internatsleiterin die Schule verließ, begann auf jeden Fall für mich der weniger angenehme Teil meines Auslandsjahrs.
Leider gab es während meines Austauschjahres nämlich auch viele enttäuschende Momente. Ich finde diesen Teil persönlich sehr schade, da das meiste davon sehr einfach vermeidbar gewesen wäre und die Probleme, die ich während meines Indienaufenthaltes hatte, nur sehr wenig mit indischer Mentalität und Kultur, sondern viel mehr mit menschlichem Fehlverhalten, organisatorischem Versagen und purer Ungerechtigkeit zu tun hatten. Ein generelles Problem dabei war, dass weder die Schule noch AFS fähig waren, die immer wieder versprochenen Leistungen bereitzustellen.
Der anderen Austauschschülerin, Letizia aus Italien, und mir wurde versprochen, dass wir Hindi, klassischen indischen Tanz, Yoga und indische Geschichte lernen dürften. Insbesondere Hindi zu lernen, war mir persönlich sehr wichtig. Doch leider wurden diese Versprechen nie eingehalten. Es hieß immer nur, wir würden irgendwann einen Stundenplan bekommen, den wir aber nie erhielten.
Als die Prüfungen bevorstanden, wurde mir direkt gesagt, dass die Schule nicht wolle, dass wir uns den ganzen Tag über mit irgendetwas anderem als Lernen aufhielten und auch sonst konnten wir uns nur einzelne Unterrichtsstunden erkämpfen, in dem wir den Lehrern hinterher rannten und sie anbettelten, uns in ihren Freistunden zu unterrichten. Es wäre sehr viel einfacher gewesen, in Indien anzukommen, wenn wir die Möglichkeit gehabt hätten diese von AFS Indien zugesagten Leistungen zu erhalten und so mehr über das Land zu lernen, in dem wir immerhin zehn Monate verbrachten. Uns wurde immer wieder gesagt, dass wir ausschließlich zum Teilnehmen am Unterrichtsstoff und Lernen da seien und nicht um Dinge zu machen, an denen wir Spaß haben oder die uns persönlich voranbringen. Damit konnte ich gerade noch umgehen. Viel mehr enttäuscht war ich von der Betreuung und der mangelnden Hilfeleistung der Austauschorganisation AFS. Die uns von AFS zugewiesene Betreuerin war nicht nur eine Angestellte der Schule und somit dieser Schule, der gegenüber sie eigentlich unsere Interessen vertreten sollte, zur Loyalität verpflichtet, sondern auch der Grund aller Konflikte und Probleme dort.
Unser Wohlbefinden war ihr nicht nur kein Anliegen, sondern sogar ein Dorn im Auge. Sie tat alles, was sie konnte, damit es uns schlecht ging. Von psychischem Terror aller Art bis hin zu Freiheitsberaubung war dieser Frau jedes Mittel recht. Nach jedem Gespräch mit ihr, das hauptsächlich dazu genutzt wurde, mich herabzuwürdigen, war ich quasi bereit, Indien auf der Stelle zu verlassen und konnte mich nur durch die Unterstützung meiner Freunde wieder beruhigen. Sie ließ mich in meinem Zimmer einsperren, drohte mir und veranlasste letzten Endes sogar, dass ich bei meinem letzten Aufenthalt dort Mitten in der 2,5-Millionenstadt Vishakhapatnam alleine und ohne Geld ausgesetzt wurde. Das ist umso schlimmer, wenn man bedenkt, dass AFS die Verantwortung für meine Sicherheit in Indien übertragen wurde. Und dies alles wurde von der Schule und von AFS gedeckt, einschließlich einiger sehr korrupter Verhaltensweisen dieser Betreuerin, z.B. das Entwenden von Geschenken aus meinem Besitz oder der schriftlich dokumentierte Versuch, meine Eltern dazu zu nötigen, ihr eine Arbeitsstelle in Deutschland zu vermitteln. Als klar wurde, dass meine Eltern dieser Forderung nicht nachkommen würden, rächte sich die Betreuerin, indem sie mir das Leben am Internat fortan zur Hölle machte.
Aber noch schlimmer als das menschliche Versagen einer einzelnen Person war:
Als ich versuchte, Hilfe von AFS Indien zu bekommen, wurde dieser Hilferuf nur gegen mich verwendet. Anstatt auf meine Beschwerden einzugehen und mich aus dieser Situation herauszuholen, begann auch AFS Indien mir zu drohen, mir meine Ausreisepapiere zu verweigern. Die AFS-Ansprechpartnerin in Delhi sagte mir wörtlich, ich könne nicht wieder aus Indien ausreisen, wenn ich mich nicht mit meiner örtlichen Betreuerin gutstelle. Als ich versuchte, darüber hinaus Unterstützung zu bekommen und über meine Eltern AFS in Deutschland zur Rate zu ziehen, wurde mir zwar anfangs geholfen, dann aber wurden aus Angst vor Streit mit AFS-Indien und aus Rücksicht auf die Befindlichkeiten der dortigen Kollegen lieber meine Interessen und meine Sicherheit hintangestellt. Leider und zu meinem Bedauern mussten meine Eltern einen Anwalt beauftragen, um sicherzustellen, dass ich die Schule und das Land sicher und zum richtigen Zeitpunkt verlassen konnte. Ein Armutszeugnis für eine international agierende Organisation wie AFS!
Abgesehen von den Erniedrigungen und Herabwürdigungen, denen ich ausgesetzt war, kann ich nur sagen, dass ich zutiefst enttäuscht bin. Ich hatte niemals erwartet, von einer angesehenen Organisation wie AFS in dieser Weise im Stich gelassen zu werden.
Trotz allem möchte ich abschließend zusammenfassen: Indien ist ein fantastisches Land. Ich liebe dieses Land und seine Bewohner. Ich bin unendlich dankbar dafür, dass ich dort sein durfte und ich habe aus allen Erfahrungen der letzten zehn Monate, sowohl aus den guten als auch den schlechten, gelernt und meinen persönlichen Nutzen daraus ziehen können. Dieses Jahr in Indien hat mich zu der Person gemacht, die ich heute bin und die zu sein ich auch stolz bin.