Licht und Schatten: Bilanz meines Auslandsjahrs in Indien

Zurück in Deutschland, in vertrauter Umgebung, zwischen den auf einmal so fremden Freunden, mit den bekannten Gerüchen, die ich schon längst vergessen habe. Es ist die Welt, die ich viele Tage lang vermisst habe, in der ich weiß, wie man sich zu verhalten hat, in der meine Erinnerungen spielen. Die Welt, die mir so nahe steht und die jetzt doch so anders scheint. Ich sehe noch immer die gleichen Dinge, die ich hier schon immer gesehen habe, doch ich sehe sie mit anderen Augen.

Indien liegt hinter mir wie ein glatt gebügeltes Farbknäuel. Komisch, von weitem sieht alles viel einfacher und strukturierter aus. Ich vermisse das Wirrwarr aus Eindrücken, Ängsten und starken Emotionen, das mich zehn Monate lang in sich gefangen hielt. Ich vermisse die Menschen, deren Gegenwart mich in Indien ankommen ließ, um die sich mein Leben für so lange Zeit drehte. Ich bin nach Indien gekommen und dort in ein schon angefangenes Leben eingestiegen und hatte dieses, ohne es zu Ende zu führen, zurückgelassen. Es ist mehr als ein anderes Leben, das ich in Indien gelassen habe, es ist meine zweite Identität, eine weitere Version von mir selbst, mir so ähnlich und doch so anders. Ich vermisse die Gedankenlosigkeit dieser Person, die ich in Indien war, die ich auf irgendeine Weise noch immer bin, die sich tief in mir vor Deutschland versteckt. Ich vermisse die ehrliche Freude, die diese Person empfinden konnte, das Einfache an dieser Person, ja sogar die Unkompliziertheit. Manchmal, wenn ich mit indischen Freunden telefoniere, erwacht sie zum Leben und erlaubt es der „deutschen Dunya“ sich kurz vom stressigen Alltag zu erholen. Doch das Wichtigste ist, dass beide Identitäten ein untrennbarer Teil von mir geworden sind, von einer dritten Dunya, die in diesem einen Jahr älter und reifer geworden ist.

Dass eine solche Erfahrung prägend ist, versteht sich von selbst und darauf möchte ich auch nicht weiter eingehen. Allerdings ist ein solcher Abschlussbericht noch einmal eine gute Gelegenheit, die schönen, aber auch weniger schönen Momente dieses Auslandsjahres Revue passieren zu lassen.

Es wäre auch sinnlos zu versuchen, diese Momente aufzulisten. Es waren eben die kleinen Dinge im Alltag, die so besonders erscheinen. Die Freundlichkeit, die einem als Ausländer in Indien entgegengetragen wird, der unzerstörbare Optimismus derer, die am wenigsten haben und am schlechtesten behandelt werden und die vielen kleinen Wege, um Krisensituationen zu überwinden. Die Art, wie im Internat aus nichts als weißem Papier wunderschöne Karten entstanden, sich nur aus dem Miteinander-Sein Feste entwickelten. Die Einfachheit alltäglicher Freude und die Schwere der Tradition. Jeder Tag barg ein Erlebnis der besonderen und jederzeit anderen Art und oft waren es auch oder gerade die Konflikte, die dem Leben in Indien seinen Reiz gaben. Es war auch oft die Überwindung, die zur Anpassung an das neue Land gehörte, die letzten Endes tatsächlich zu den schönen Erinnerungen gehört.

Aber noch wichtiger als alles Erlebte zusammen waren die Menschen, die ich zu schätzen und zu lieben gelernt habe. Die ich jetzt so sehr vermisse, dass es fast schon wehtut. Freundschaften, die mir gezeigt haben, dass man eine Person nicht lange und gut kennen muss, um für sie da zu sein und dass man seinen Freunden mehr geben kann als man zu haben glaubt. Ein Aufeinander-Zugehen, das über das mir bisher Bekannte hinausgeht. Beziehungen, die sich nicht nur aus gegenseitiger Zuneigung, sondern oft auch aus der Tatsache, dass man 24 Stunden am Tag zusammen war, speisten. Menschen, die mir so überzeugend das Gefühl gaben, zu wissen wer ich bin, dass ich mir selbst die Frage nach der eigenen Identität gar nicht mehr  zu stellen brauchte. Menschen, die einem näherstehen, als dies irgendjemand zuvor gekonnt hätte. Menschen, die das sind, was ich mein Leben lang aus dieser Erfahrung mitnehmen werde. Klar hatte ich schon vor Indien gute Freunde gehabt. Doch diese indischen Freundschaften waren anders, irgendwie tiefer und durch gemeinsame Erfahrungen geprägt. Das Chaos an Emotionen, das ich mit diesen Menschen gemeinsam durchgestanden habe, verbindet mich mit ihnen auf eine so ganz andere Weise, die meine  deutschen Freunde niemals verstehen werden.

Aber noch wichtiger als alle meine Freunde in Indien war eine Person: Meine Internatsleiterin, die leider Anfang Januar die Schule verließ. Ich habe noch nie zuvor eine Person wie sie getroffen! Ihre Art, sich gegen alles Unrecht zu stellen, obwohl sie es damit den Anderen ermöglicht, ihr in gleicher Weise Unrecht zuzufügen. Die Ideale, die sie sich setzte und denen sie unter allen Umständen folgte, für die sie sich aufzuopfern bereit war. Die Art und Weise, in der sie in der Lage war,  Menschen zu bewegen und zu überzeugen. Sie war immer diejenige, die es schaffte, mir in Konfliktsituationen die indische Perspektive zu erläutern und die schließlich auch bewirkte, dass ich die indischen Grundüberzeugungen nicht nur nachvollziehen, sondern auch für mich selbst übernehmen konnte. Sie brachte mir bei, Disziplin zu haben und zu lieben. Gleichzeitig war sie für mich da, war die Person, die mich in den Arm nehmen konnte, wenn es mir schlecht ging, die mich gegen die ganze Welt  verteidigt hätte, wenn es notwendig gewesen wäre. Ich könnte noch ewig weiterschreiben und mehr über diese Frau erzählen. Doch es gibt keine Beschreibung, die ihr auch nur im Ansatz gerecht würde. Als die Internatsleiterin die Schule verließ, begann auf jeden Fall  für mich der weniger angenehme Teil meines Auslandsjahrs.

Leider gab es während meines Austauschjahres nämlich auch viele enttäuschende Momente. Ich finde diesen Teil persönlich sehr schade, da das meiste davon sehr einfach vermeidbar gewesen wäre und die Probleme, die ich während meines Indienaufenthaltes hatte, nur sehr wenig mit indischer Mentalität und Kultur, sondern viel mehr mit menschlichem Fehlverhalten, organisatorischem Versagen und purer Ungerechtigkeit zu tun hatten. Ein generelles Problem dabei war, dass weder die Schule noch AFS fähig  waren, die immer wieder versprochenen Leistungen bereitzustellen.

Der anderen Austauschschülerin, Letizia aus Italien,  und mir wurde versprochen, dass wir Hindi, klassischen indischen Tanz, Yoga und indische Geschichte lernen dürften. Insbesondere Hindi zu lernen, war mir persönlich sehr wichtig. Doch leider wurden diese Versprechen nie eingehalten. Es hieß immer nur, wir würden irgendwann einen Stundenplan bekommen, den wir aber nie erhielten.

Als die Prüfungen bevorstanden, wurde mir direkt gesagt, dass die Schule  nicht wolle, dass wir uns den ganzen Tag über mit irgendetwas anderem als Lernen aufhielten und auch sonst konnten wir uns nur einzelne Unterrichtsstunden erkämpfen, in dem wir den Lehrern hinterher rannten und sie anbettelten, uns in ihren Freistunden zu unterrichten. Es wäre sehr viel einfacher gewesen, in Indien anzukommen, wenn wir die Möglichkeit gehabt hätten diese von AFS Indien zugesagten Leistungen zu erhalten und so mehr über das Land zu lernen, in dem wir immerhin zehn Monate verbrachten. Uns wurde immer wieder gesagt, dass wir ausschließlich zum Teilnehmen am Unterrichtsstoff und Lernen da seien und nicht um Dinge zu machen, an denen wir Spaß haben oder die uns persönlich voranbringen. Damit konnte ich gerade noch umgehen. Viel mehr enttäuscht war ich von der Betreuung und der mangelnden Hilfeleistung der Austauschorganisation  AFS. Die uns von AFS zugewiesene Betreuerin war nicht nur eine Angestellte der Schule und somit dieser Schule, der gegenüber sie eigentlich unsere Interessen vertreten sollte, zur Loyalität verpflichtet, sondern auch der Grund aller Konflikte und Probleme dort.

Unser Wohlbefinden war ihr nicht nur kein Anliegen, sondern sogar ein Dorn im Auge. Sie tat alles, was sie konnte, damit es uns schlecht ging.  Von psychischem Terror aller Art bis hin zu Freiheitsberaubung war dieser Frau jedes Mittel recht. Nach jedem Gespräch mit ihr, das hauptsächlich dazu genutzt wurde, mich herabzuwürdigen, war ich quasi bereit, Indien auf der Stelle zu verlassen und konnte mich nur durch die Unterstützung meiner Freunde wieder beruhigen. Sie ließ mich in meinem Zimmer einsperren, drohte mir und veranlasste letzten Endes sogar, dass ich bei meinem letzten Aufenthalt dort Mitten in der 2,5-Millionenstadt Vishakhapatnam alleine und ohne Geld ausgesetzt wurde. Das ist umso schlimmer, wenn man bedenkt, dass AFS die Verantwortung für meine Sicherheit in Indien übertragen wurde. Und dies alles wurde von der Schule und von AFS gedeckt, einschließlich einiger sehr korrupter Verhaltensweisen dieser Betreuerin, z.B. das Entwenden von Geschenken aus meinem Besitz oder der schriftlich  dokumentierte Versuch, meine Eltern dazu zu nötigen, ihr eine Arbeitsstelle in Deutschland zu vermitteln. Als klar wurde, dass meine Eltern dieser Forderung nicht nachkommen würden, rächte sich die Betreuerin, indem sie mir das Leben am Internat fortan zur Hölle machte.

Aber noch schlimmer als das menschliche Versagen einer einzelnen Person war:
Als ich versuchte, Hilfe von AFS Indien zu bekommen, wurde dieser Hilferuf nur gegen mich verwendet. Anstatt auf meine Beschwerden einzugehen und mich aus dieser Situation herauszuholen, begann auch AFS Indien mir zu drohen, mir meine Ausreisepapiere zu verweigern. Die AFS-Ansprechpartnerin in Delhi sagte mir wörtlich, ich könne nicht wieder aus Indien ausreisen, wenn ich mich nicht mit meiner örtlichen Betreuerin gutstelle. Als ich versuchte, darüber hinaus Unterstützung zu bekommen und über meine Eltern AFS in Deutschland zur Rate zu ziehen, wurde mir zwar anfangs geholfen, dann aber wurden aus Angst vor Streit mit AFS-Indien und aus Rücksicht auf die Befindlichkeiten der dortigen Kollegen lieber meine Interessen und meine Sicherheit hintangestellt. Leider und zu meinem Bedauern mussten meine Eltern einen  Anwalt beauftragen, um sicherzustellen, dass ich die Schule und das Land sicher und zum richtigen Zeitpunkt verlassen konnte. Ein Armutszeugnis für eine international agierende Organisation wie AFS!

Abgesehen von den Erniedrigungen und Herabwürdigungen, denen ich ausgesetzt war, kann ich nur sagen, dass ich zutiefst enttäuscht bin. Ich hatte niemals erwartet, von einer angesehenen Organisation wie  AFS in dieser Weise im Stich gelassen zu werden.

Trotz allem möchte ich abschließend zusammenfassen: Indien ist ein fantastisches Land. Ich liebe dieses Land und seine Bewohner. Ich bin unendlich dankbar dafür, dass ich dort sein durfte und ich habe aus allen Erfahrungen der letzten zehn Monate, sowohl aus den guten als auch den schlechten, gelernt und meinen persönlichen Nutzen daraus ziehen können. Dieses Jahr in Indien hat mich zu der Person gemacht, die ich heute bin und die zu sein ich auch stolz bin.

Die misslungene Abschiedsfeier

Es wurde Februar und ein Gefühl der Endlichkeit erreichte schließlich auch mich. Ich wusste, dass es noch lange nicht vorbei war, noch würden mir vier Monate bleiben und den Zwölftklässlern weitere drei. Doch es war das Ende des Alltags, wie ich ihn kannte, der das Gefühl von Abschied erzeugte. Es war nicht einmal mein Alltag, der sich allzu sehr verändern würde, doch der meiner besten Freunde. Denn mit dem Ende der zwölften Klasse rückten die Abschlussprüfungen näher und es würde dann keine Zeit mehr für Dinge wie Spaß, Schlaf oder Freizeit geben. Ab jetzt waren für sie nur noch drei Stunden Schlaf pro Nacht und zwei Stunden Pause am Tag, zum Einnehmen der Mahlzeiten, geplant. Es war klar, dass ihnen von nun an keine Zeit und keine Nerven zum Pflegen von Freundschaften übrig bleiben würden, egal wie sehr ihnen diese am Herzen lagen. Sie würden zwar noch physisch anwesend sein, es würde sich aber so anfühlen,  als wären sie schon gegangen und in dem Moment, in dem ihre letzte Prüfung geschrieben war, würden sie wirklich gehen.

Die gemeinsame Zeit mit ihnen war also vorbei. Es war wirklich ein Abschied und ich spürte ihn mit jedem Tag näher rücken. Doch dann gab es eine schöne indische Tradition, die diesen Abschied erleichtern sollte. In Indien ist es nämlich üblich, dass die Elftklässler für ihre „Seniors“ noch eine Abschiedsfeier ausrichten, bevor deren Prüfungsstress richtig losgeht. Dementsprechend war es natürlich sehr wichtig für alle und insbesondere auch für mich, diese Feier so gut wie möglich zu organisieren. Für gewöhnlich wird den Schülern dafür mindestens eine Woche, wenn nicht noch länger von der Schule zur Verfügung gestellt, um die Feier angemessen vorzubereiten. Wie sie das Programm genau organisieren, steht den Schülern dabei für gewöhnlich frei, solange sie einen Teil aussparen, nämlich die so genannte „Blessing Ceremony“ von Seiten der Schule. Allerdings ist es üblich, das Programm so zu gestalten, dass am Ende jeder Elftklässler auf der Bühne steht und nach Möglichkeit tanzt. Deshalb wird viel Aufwand für Proben, Musikauswahl und dress code betrieben.

Leider war es dann aber doch nicht so einfach wie wir dachten. Die Schulleitung war nämlich dagegen, dass die Feier überhaupt veranstaltet werden sollte, trotz allen vorherigen Versprechungen!  Damit wären wir vielleicht die einzige Schule Indiens gewesen, die keine Feier für ihre Absolventen veranstaltet und das, obwohl diese sich im Jahr zuvor selbst die Mühe gemacht hatten, das gleiche für ihre Seniors zu tun. Es wäre unfair gewesen – nicht nur gegen uns, sondern vor allem auch gegen die Seniors. Das Verweigern dieser schönen Geste war das eine, das Verbieten eines wirklichen Abschieds von unseren besten Freunden war das andere. Wir konnten dies einfach nicht akzeptieren!

Deshalb kämpften wir lange um die Erlaubnis, diese Feier durchführen zu dürfen und bekamen diese Erlaubnis schließlich doch noch. Leider war die Schulleitung aber noch immer nicht wirklich überzeugt und versuchte deshalb, dem Gelingen der Feier entgegenzuwirken: Die Feier wurde genau eine Woche vor unsere eigenen Endjahresprüfungen gelegt, also in einer Zeit, in der sich in Indien alleine die Zeugnisnote entscheidet. Ich habe sicher schon einmal erwähnt, dass Lernen und Noten so in etwa das Wichtigste im Leben eines indischen Schülers sind und jede Ablenkung davon von den Eltern zu verhindern gesucht wird. Deswegen baten unsere Mitschüler schließlich Letizia und mich um Hilfe. Da das Prüfungsergebnis für uns ja bei weitem nicht so viel bedeutet wie für sie, baten sie uns, unsere Zeit für die Organisation der Feier zu opfern. Natürlich hätten wir dazu nicht nein sagen können. Also ging es an die Vorbereitung: Meine Gastschwester Sanjana war die einzige Inderin, die uns wirklich aktiv half, indem sie die Tanzkoreographien und die Einladungskarten übernahm. Letizia kümmerte sich um Dekoration und Materialien, ich mich um das Programm, die Musik, das Essen und die Kommunikation zwischen uns und der Schule.

Leider wurde uns die Organisation immer weiter erschwert. Aktivitäten wurden zugesagt und in dem Moment, in dem wir die Organisation abgeschlossen hatten, wieder abgelehnt: So wurde uns ein Banner versprochen, das wir gestalten sollten, doch als wir endlich damit fertig waren, wurde es uns verboten, sodass Letizia nichts anderes übrig blieb, als eines mit Wasserfarben auf zusammengeklebte Din-A4-Blätter zu malen (das Ding hätte 8 x 10 Meter groß sein sollen) Doch sobald sie damit begonnen hatte, wurde ihr auch das verboten. Ich sollte einen Speiseplan aus den Menüs, die die Schule normalerweise anbot, zusammenstellen, doch als ich ihn abgab, wurde er einfach weggeschmissen. Wir planten ein Theaterstück, doch sobald wir es ein wenig einstudiert hatten, entschied die Schulleitung, dass sie das nicht wollte und so ging es weiter. Zu all dem kam noch, dass uns die Proben für die Tänze immer weiter eingeschränkt und schließlich ganz untersagt wurden. Als wir Musik vorschlugen, durften wir ausschließlich englische Lieder auswählen, die weder Schimpfwörter noch Anspielungen auf Liebe beinhalten dürften. Wir mussten schließlich instrumentelle Musik verwenden.

Vor allem aber der Umgang mit mir, als derjenigen, die immer Nachrichten von den Schülern zur Schulleitung weitergeben musste, wurde der immer grober und unfreundlicher. Bald schon musste ich mir von der Schulleiterin Sätze wie „Verpiss dich” anhören oder: “Eine Schülerin der elften Klasse verdient es nicht, mit mir zu sprechen, das bist du nicht wert!“

Ich fühlte mich durch diesen Umgang unglaublich gekränkt: Nicht nur deshalb, weil ich das Gefühl hatte, dass meine Arbeit und der viele Aufwand, der mich Tage und Nächte gekostet hatte, einfach nicht anerkannt wurde und sogar teilweise im Papierkorb landete. Die Umgangsweise und der Ton verletzten mich sehr und ich war in der Situation hilflos. Ich konnte es beim besten Willen nicht verstehen, wie eine Autoritätsperson sich einer solchen Sprache bediente. Kann man nicht einen gegenseitigen  respektvollen Umgang erwarten? So nach dem Motto: Wie du mir, so ich dir? Mir blieb nichts anderes übrig als diesen Umgang zu tolerieren, denn ich wollte keinen Streit riskieren, in dem ich sowieso keine Chance auf Gerechtigkeit hätte. Doch ich war einfach verletzt; ich wollte mit niemandem mehr sprechen; ich wollte nichts mehr machen, ich wollte einfach nur alleine sein. Ich erlitt den Kulturschock, der schon so lange auf sich hatte warten lassen. In einer Situation , in der mir so etwas nicht hätte wiederfahren dürfen.

Aber ich musste weitermachen, diese Feier war ja nicht für mich!

Doch ich wusste, ich musste mit jemandem darüber reden, einfach weil es mich so irrational fertig machte. Aber mit wem? Für die Inder war dieser Zustand normal, sie konnten nicht  verstehen, warum ich so verletzt war. Mit Letti zu reden ging nicht, sie steckte selbst zu tief in der Sache mit drin und würde wahrscheinlich, um mich zu unterstützen, die ganze Feier über Bord werfen. Mit meinen Zimmerpartnern konnte ich auch nicht einfach darüber sprechen; schließlich sollte die Feier für sie eine Überraschung sein. Sie wussten nichts von der ganzen Planung.

Naja, theoretisch gab es ja eine Person, die für genau solche Probleme zuständig war: Meine Betreuerin Frau Kalyani Rao. Nur vertraute ich genau dieser Person schon lange nicht mehr. Sie war niemals diejenige gewesen, mit der ich über ein Problem sprechen konnte oder von der ich mir Hilfe erwarten würde. Aber es gab auch sonst niemanden, an den ich mich hätte wenden können. Also entschied ich mich, gegen mein ungutes Gefühl, und ging zu ihr.

Doch in dem Moment, in dem ich zu ihr kam, hatte sie schon wieder etwas ganz anderes vor: Sie wollte, dass Letizia und ich ein Video für AFS drehten, das als Werbung an Eltern geschickt werden sollte und dessen Inhalte eine Art Loblied auf die Schule sein sollten. Es war wirklich nicht der richtige Zeitpunkt, um mich um so etwas zu bitten. Also sagte ich, dass ich an diesem Tag nicht dazu fähig sein würde und ging. Am nächsten Tag kam meine Betreuerin Kalyani wieder mit der gleichen Forderung auf mich zu. Natürlich ging es mir nicht besser, da weder die Behandlung von Seiten der Schulleitung sich geändert hat, noch ich mit irgendwem darüber gesprochen hatte. Also gab ich ihr die gleiche Antwort wie am Vortag.

Dieses Mal nahm sie meine Entschuldigung nicht einfach so hin und wollte sogar wissen, was los ist. Das ließ ich mir natürlich nicht zweimal sagen. Ich überlegte mir gut, was ich sagen sollte, denn ich wollte mir mit diesem Gespräch nicht selbst ins Bein schießen. Also erklärte ich nur kurz, was passiert war und versuchte mich dabei so genau wie möglich an die Worte zu halten, die auch die  Schulleiterin benutzt hatte. Dann erklärte ich ihr, wie sehr mich das alles innerlich verletzt hatte und, dass ich glaubte, einen Kulturschock zu haben. Ich wollte noch weiter ausführen, warum das Geschehene mir so fremd war, doch Kalyani ließ das nicht zu. Sie begann, mich anzuschreien: Ich hätte das Verhalten der Schulleitung nicht zu kritisieren. Sie ging sogar noch weiter und sagte, ich als Ausländerin hätte sowieso keine Verantwortung in der Schule zu übernehmen und kein Recht, bei der Organisation dieser Feier mitzuwirken. Sie holte noch weiter aus, um mir an den Kopf zu werfen, dass ich mir nicht einbilden solle, den hohen Ansprüchen der Schule gerecht zu sein.

Das reichte mir. Ich musste mir so etwas nicht anhören. „Es war ein Fehler mit ihnen zu sprechen“,  flüsterte ich, unsicher, ob sie das gehört hatte. Dann stand ich auf und ging, zu den Gymnastikstangen hinter dem Sportplatz, dem einzigen Ort, an dem meistens niemand war. Zwar konnte man mich dort von überall  aus sehen, dennoch würden die meisten mich nur aus mindestens zwanzig Metern Entfernung beobachten. Ich biss mir auf die Lippe, ich dürfte jetzt nicht weinen. „Diese Feier ist nicht für mich“, flüsterte ich immer wieder. Es wäre nicht fair, aufzugeben. Und ich war jetzt in Indien. Es war an der Zeit, in diesem Land Stärke zu lernen. Also blieb ich sitzen und befahl mir selbst, stark zu bleiben, bis mich irgendwann einige meiner Freunde entdeckten und zu sich riefen. Es war eine der schwersten Dinge, die ich je getan hatte, dort zu sitzen und so zu tun, als ob nichts wäre. Aber wie hätte ich erklären sollen, was los war, wenn ich auf einmal zu weinen begonnen hätte? Ich wusste doch selbst nicht, was mein verdammtes Problem in dieser Situation war.

Und am nächsten Tag wollte Kalyani schon wieder, dass ich das Video für die Schule aufnahm. Ich sagte ihr, es wäre momentan einfach nicht angemessen, das von mir zu verlangen. Sie antwortete daraufhin, dass etwas mit meinem Kopf falsch laufen würde und dass ich „mentally retarded“ sei. Und das sagte sie vor allen ihren Kollegen! Ich bat sie nicht so mit mir zu sprechen, woraufhin sie wütend wurde. Dennoch betonte ich noch ein weiteres Mal, dass ich bereit war, dieses Video auch gegen meinen Willen zu machen, aber nur mit Erlaubnis meiner Eltern und wenn ich meine Worte selber wählen dürfte.

Daraufhin zerrte sie mich wütend in die Kabine des stellvertretenden Schulleiters, immer noch laut schreiend. Vor diesem schrie sie mich weiterhin an und warf mir vor, mich gegenüber Lehrern, Management  und Personal respektlos zu verhalten. Ich wusste nicht, woher dieser Vorwurf kommen sollte, da ich ein extrem gutes Verhältnis mit all meinen Lehrern hatte, was diese mir sogar schriftlich bestätigten und eigentlich die einzige Schülerin war, die einen einigermaßen respektvollen Umgang mit Küchenpersonal und Putzfrauen pflegte, während die meisten indischen Schüler sie als Untergebene betrachteten und entsprechend behandelten. Was das Management anging, so war sie eigentlich die einzige, mit der ich regelmäßig zu tun hatte. Trotzdem sagte ich in Anwesenheit des stellvertretenden Schulleiters erst einmal nichts. Dann forderte Kalyani ihn dazu auf, mir anzudrohen, mich von der Schule zu schmeißen, wenn ich nicht bereit wäre, dieses Video zu drehen. Das tat dieser auch mit der Begründung, dass es ihre vertragliche Pflicht gegenüber AFS sei, mich bei ihnen aufzunehmen und es genauso meine sei, dieses Video zu drehen. Er erklärte, dass er sich seinerseits nicht verpflichtet fühle, seinen Teil der Abmachung einzuhalten, wenn ich nicht bereit wäre, meinen Teil zu übernehmen. Ich wusste zwar, dass es keinen Vertrag gab, in welchem ich mich dazu verpflichtet haben könnte, ein solches Video aufzunehmen, entschied aber, keinen Konflikt deswegen zu riskieren und lieber zu schweigen, bis er mich dazu aufforderte, Stellung zu beziehen. Als er genau dies tat, antwortete Kalyani an meiner Stelle, betonte noch einmal wie respektlos ich mit jedem in der Schule umginge und wie unverschämt es sei, mich zu weigern, dieses Video zu drehen, nach allem, was die Schule für mich getan habe.

„Sollte sie nicht eigentlich auf meiner Seite sein?“, dachte ich mir immer wieder. Meine Gedanken drehten sich geradezu um diese Frage, schließlich war der Hauptgrund, warum wir eine solche Betreuerin hatten, uns vor Konflikten mit der Schule zu bewahren und nicht, diese auszulösen.

Der stellvertretende Schulleiter forderte mich noch einmal auf, zu antworten und wieder nahm mir Kalyani das Wort. Also wartete er noch einmal, bis sie fertig war und betonte dieses Mal scharf, dass er eine Rechtfertigung meinerseits hören wolle. Ich erklärte also, dass es mir lediglich darum ginge, eine Erlaubnis meiner Eltern zu haben, da das in Deutschland verpflichtend sei. Ich sagte auch, dass ich prinzipiell dazu bereit sei, das Video mit meinen Worten aufzunehmen, obwohl es mir natürlich trotzdem in dieser Situation zuwider war. Er schien damit an sich keine Probleme zu haben und sagte, ich solle das Video alleine am Abend aufnehmen. Daraufhin fühlte sich Kalyani nicht ernst genommen und begann loszuschimpfen, ich wolle das Video doch nur alleine aufnehmen, weil ich den Ruf der Schule in den Dreck ziehen und mich in Wirklichkeit über die Schule beschweren wolle. Ich erwiderte, ein wenig beleidigt, dass das doch überhaupt gar keinen Sinn machen würde, in einem Video, das bei der Schule abzugeben ist, schlecht über die Schule zu reden und dass das außerdem auch nicht in meinem Interesse sei. Der Schulleiter stimmte dem zu, was Kalyani noch weiter verärgerte und veranlasste, mir noch weitere Dinge vorzuwerfen und zu prophezeien welch schlechte Dinge ich über die Schule sagen würde. Sie ließ sich dabei nicht mehr beruhigen, bis der stellvertretende Schulleiter sie schließlich bat, den Raum zu verlassen. Dann machte er mit mir aus, dass ich nach der Schule kommen und nach einer Kamera fragen sollte, um das Video schließlich am Abend zu drehen und am nächsten Morgen abzugeben. Er betonte, dass ich dabei keinen anderen Schüler zu stören hatte. Die Vereinbarung war, nachdem  Kalyani gegangen war, schnell beschlossen, was mir ganz recht war, da am Abend des selben Tages schon die Feier für die Zwölftklässler stattfinden sollte. Sobald ich aber den Raum verließ, empfing mich erneut  Kalyani. Sie folgte mir, bis wir schließlich ein bisschen weiter von den anderen entfernt standen. „Na warte“, sagte sie, „ich habe der Schulleiterin noch nicht erzählt, was du über sie gesagt hast.“ Ich erwiderte, dass ich mich nicht negativ über sie geäußert hätte, worauf sie nur meinte, dass ich schon sehen würde.

Wenige Minuten später kam eine ganze Gruppe indischer Schüler angerannt. Ich solle schnell kommen, denn Kalyani „schütte Masala in die Wunde“. Ich wusste zwar nicht was sie meinten, kam aber trotzdem mit. Dort angekommen, musste ich selbst hören, wie Kalyani der Schulleiterin viele Unwahrheiten über mich erzählte. Sobald sie mich aber bemerkte, wechselte sie auf Telugu, was natürlich nicht viel änderte, da alle meine Freunde Telugu gut verstanden. Ich wollte mir das aber dennoch nicht anhören und verließ das Schulhaus sofort wieder. Meine Freunde folgten mir sofort, wussten aber, dass es eigentlich nichts zu sagen gab. Keiner wusste, was passiert war, aber jeder ahnte, dass, was auch immer geschehen war, nicht fair sein konnte. Niemand fragte. Sie warteten einfach neben mir, warteten darauf, dass ich in irgendeiner Weise reagieren würde. Also reagierte ich. Und ging alleine zurück ins Internat. Doch auf dem Weg dorthin wurde ich schon wieder aufgehalten. Und zwar von einem Lehrer nach dem anderen. Sie alle wirkten ein wenig besorgt, fragten mich, wie es mir ginge oder ob etwas passiert sei. Sie wussten etwas, wollten mir davon aber nichts sagen, außer, dass ich vorsichtig sein sollte. Ich bemühte mich sehr, mir keine Sorgen zu machen, aber die ständige Kontaktaufnahme der Lehrer verunsicherte mich ein wenig, vor allem, weil sie mich immer wieder ansprachen, sobald sie mich sahen und jedes Mal die gleichen Fragen stellten. Aber ich musste weiter machen.

Ich gab noch die endgültige Version der Spiele ab und wollte mich gerade umziehen, als auf einmal die Schulleiterin hinter mir stand. Ich wusste nicht, mit wem sie sprach, doch sie sagte betont laut. „I don’t want Dunya to participate in anything. Change her games!” Es bestand kein Grund für mich, deswegen stehen zu bleiben. Ich wusste ja, dass jetzt etwas passieren würde. Da mir klar war, dass das Ausmaß der Katastrophe für alle, die jetzt noch auf die Schnelle etwas ohne meine Beiträge organisieren sollten, noch viel größer war. Und schon bald wurde mir klar, dass die Schule stattdessen die Schüler jüngerer Kassen dazu aufgefordert hatte, das Programm zu organisieren. Das Problem war so offensichtlich, dass selbst die Zwölftklässler alles mitbekamen. Doch deren Reaktion ärgerte die Schulleitung schließlich noch mehr: Nachdem ein Schüler deutlich ankündigte, dass er nicht bereit sei, zu kommen, wenn das ganze Programm gestrichen wird und ich nicht mitorganisieren dürfe, folgte ihm die ganze Jahrgangstufe.

Daraufhin wurden die Elftklässler quasi dazu gedrängt, die Zwölfer zum Kommen zu überreden, selbst ich. Da das aber ohne größeren Erfolg blieb, rief die Schulleiterin den Jungen zu sich, der die anderen vom Boykott der Feier überzeugt hatte. Sie sagte ihm, dass er entweder dafür sorgen musste, dass alle Mitschüler zu der Feier kamen, oder sie würde ihn durch seine praktischen Abschlussprüfungen fallen lassen. Das war auch der Grund, weshalb sogar ich an diesem Abend anwesend war. Ich saß am Rand des Publikums aus der elften Klasse, das von der Schulleitung von der Abschlussklasse getrennt worden war. Ich fragte mich nach dem Sinn einer solchen Feier, bei der die Gastgeber von den Gästen getrennt saßen. Vorne standen zwei Schüler, an der Stelle, an der eigentlich ich hätte stehen sollen. Sie lasen meine Worte von einem Blatt ab und alle Anwesenden wussten, dass dies meine Worte waren, die auf der Bühne unsicher abgelesen wurden. Die Spiele wurden geändert und hatten dadurch ihren Sinn völlig verloren und die vortragenden Schüler verstanden die Spiele nicht, weshalb die Abschlussklasse  sehr enttäuscht war und nur aus reiner Höflichkeit mitspielte.

Dann folgten noch lange Reden von Lehrern und eine über eine Stunde dauernde vollkommen langweilige Segenszeremonie. Die Beiträge der Lehrer, die ich organisiert hatte, waren gestrichen worden, der improvisierte Tanz vollkommen schief gelaufen. Es gab nicht einmal ein gutes Abendessen und die versprochene Stunde, in der wir hätten tanzen sollen, wurde auf zehn Minuten beschränkt. Stattdessen wurden nur ein paar Fotos für die Webseite der Schule gemacht, sodass die Schule sagen konnte, die Abschlussfeier habe stattgefunden. Immer wieder schauten Lehrer und Zwölftklässler zu mir rüber, doch ich wollte nicht gesehen werden, zu sehr schämte ich mich für diese vollkommen misslungene Feier.

Silvester im Internat

Es lagen nur zwei Schultage zwischen Weihnachten und Neujahr. Doch dieses Mal würde ich in der Schule feiern. Der Grund dafür war hauptsächlich, dass meine Internatsleiterin wenige Tage später die Schule verlassen würde und sie bis jetzt diejenige Person war, die mir in Indien am nächsten stand. Ich hätte es nicht übers Herz gebracht, die letzten Tage, die ich mit ihr zusammen sein konnte, anderswo zu verbringen. Außerdem war ich auch froh darüber, einmal ein Fest mit meinen Freunden feiern zu können, mit denen ich immerhin die meiste Zeit hier verbrachte.

Leider waren meine Zimmerpartner schon abgereist, um die Ferien zu Hause zu verbringen, alle anderen Schüler blieben aber da. Der Neujahrstags verlief einigermaßen normal. Wir hatten Schule am Vormittag und Sportzeit am Nachmittag. Doch dann die gute Nachricht: Keine Studierzeit!! Wir dürften draußen bleiben bis zum Abendessen! Das hieß Volleyball im Scheinwerferlicht und auf einmal waren alle draußen. Es war eine Leichtigkeit da, eine Vorfreude auf etwas, wovon ich noch nicht wusste, was es ist. Keiner sprach mehr über die nahenden Prüfungen, alle lachten so viel und es kamen kaum Lehrer, um uns zu überwachen. Alle waren einfach gut gelaunt, so dass der Alltag keine Rolle mehr spielte. Ich war fast schon enttäuscht,  als zum Abendessen gepfiffen wurde, doch auf einmal fragte ein guter Freund von mir: „Und freust du dich schon auf die Party heute Abend?“

Party? Ich hatte wirklich nicht erwartet, dass die Schule mehr anbieten würde als eine Verlängerung der Sportzeit. Dennoch hatte ich keine genaue Vorstellung davon, wie eine „Party“ auf dem Schulgelände, organisiert von der Schule, in Anwesenheit aller Autoritäten und zwischen lauter Überwachungskameras, genau aussehen sollte. Doch dass man sich kleiden dürfte, wie man wollte, klang schon mal gut. Die Mädchen zogen Kleider an, die aussahen, als wollten sie auf einen Ball gehen und selbst die Jungen waren beinahe formell gekleidet.

Dann, gegen neun, trafen wir uns alle draußen im Freien. Ein riesiges Feuer war in der Mitte einer Wiese angesteckt worden und darum ein noch größerer Stuhlkreis aufgebaut. Es war überraschend kalt für eine indische Nacht und die Temperaturen kühlten auf beinahe 20 Grad herunter. Dann wurde eine Art „Flaschendrehen“ in großer Runde gespielt. Da die Fragen allerdings von der Schule gestellt wurden, war das selbst für die indischen Schüler langweilig. Dann wurden noch zwei andere Spiele durchgeführt, für die Jungen und Mädchen getrennt wurden.

Danach begann aber erst der Teil, auf den alle solange gewartet hatten: Es war nichts außer laute Musik auf dem Basketballplatz. In Indien schon genug, um auf einmal die gesamte Schule mitsamt den Autoritäten tanzen zu lassen. Dann auf einmal um genau Null Uhr ging ein Feuerwerk vor uns in die Luft und ein Kuchen wurde angeschnitten. Die Leute begannen, sich zu umarmen (natürlich nur innerhalb des eigenen Geschlechts) wobei es durchaus einige gab, die sich wiedersetzten und auch heimlich Schüler des anderen Geschlechts und natürlich die von allen geliebte Internatsleiterin Kanishka Ma´m zu umarmen. Leider wurden wir viel zu bald wieder rein geschickt. Mit dem Ende des Feuerwerks fand auch die „Party“ ein Ende. Es war das einzige und letzte Mal, dass ich etwas so Schönes in der Schule erleben dürfte.

Weihnachten in Indien

Es war fast schon ein Schock zu realisieren, dass schon wieder Weihnachten ist. Wenn ich versuche zurückzudenken an die Zeit, in der ich hier angekommen war, wirkte Weihnachten immer wie eine Art Ziel. Bis Weihnachten wollte ich fähig sein, Hindi zu sprechen, bis Weihnachten wollte ich eine wirklich innige Beziehung mit meiner Gastfamilie haben, bis Weihnachten wollte ich zumindest zwei oder drei klassische indische Tänze beherrschen, bis Weihnachten wollte ich endlich alles verstehen. Und jetzt stand Weihnachten einfach vor mir, ungefragt und ohne wirklich bemerkbar zu sein und ich musste akzeptieren, dass ich meine Ziele nicht so erreicht habe, wie ich sie hatte erreichen wollen. Doch es war nicht die Zeit um darüber nachzudenken. Es war Weihnachten, das wahrscheinlich stressigste Fest im Jahr. Insbesondere, wenn man aufgefordert war, alleine in Indien eine Weihnachtsfeier zu organisieren. Ohne geeignete Materialien zu haben, ohne jemanden, der mich daran erinnern konnte, was zu einer Wehnachtsfeier dazugehört.

In Visakhapatnam’s Geschäften war beinahe nichts von Weihnachten angekommen und außer einem Plastikweihnachtsbaum und ein paar Christbaumkugeln gab es eigentlich nichts, was man hätte kaufen können. Das hieß kaufen, was auch immer man finden konnte und das Beste daraus machen. Weiße Kerzen rot anmalen, Tannenzweige aus Palmblättern basteln und eine Weihnachtsgrippe aus Papier und Kartons.  Und noch schwieriger: Ein Weihnachtsessen ohne Fleisch und mit Chilly erfinden. Daran, eine Kirche mit englischsprachigem Gottesdienst zu finden, scheiterte ich allerdings. Also wurde der Weihnachtsgottesdienst übersprungen und es gab vor dem Essen schon die Bescherung.

Es war wirklich schön zu sehen, dass  auch meine Familie mir eine Kleinigkeit besorgt hat, um die „Tradition“ zu pflegen. Dann wurden Weihnachtslieder abgespielt und wir gingen schließlich essen, weil ich keine Idee hatte, was ich hätte kochen können, das Weihnachten und gleichzeitig  Indien gerecht wird.  Manchmal habe ich mich gefragt, ob es nicht auch schön gewesen wäre, Weihnachten im Internat zu verbringen. Mit meinen Freunden und vor allem mit Leuten, denen das Fest vertraut ist und zu denen ich mich damals schon viel  mehr zugehörig fühlte. Aber als ich letzten Endes am Weihnachtsabend nach all den stressigen Vorbereitungen mit meiner Familie zusammensaß, wurde mir klar, dass ich mich zum ersten Mal richtig als Teil dieser Familie gefühlt habe. Und das war auch der Moment, in dem sich Weihnachten endlich wie ein richtiges Weihnachtsfest anzufühlen begann.

Ein bisschen Alltag … und ganz viel Freundschaft

Inzwischen sind schon ganze sechs Monate vergangen. Es scheint irgendwie unvorstellbar. Der strenge und volle Stundenplan der Schule lässt die Tage geradezu davonfliegen und Wochen gehen vorbei wie wenige Stunden.

Der Alltag hier wird langsam so normal als hätte ich nie etwas Anderes gemacht. Ich merke gar nicht mehr wie viele Regeln es gibt, denn jetzt reagiere ich aus dem Gefühl heraus im richtigen Moment angemessen. Ich weiß inzwischen genau, was gerne gesehen wird und was nicht. Auch wenn mir generell erlaubt wird, etwas mit Jungs zu unternehmen, fühle ich mich mit der Zeit irgendwie ein wenig unwohl, sobald Erwachsene in der Nähe sind. Die Regeln darüber was, wann, wie viel und mit wem ich etwas machen darf, sind zur völligen Selbstverständlichkeit geworden. Harte Regeln haben sich in Gewohnheiten verwandelt und diese Gewohnheit bringt sogar mehr Freiheit, denn ich lerne zu sehen, wann ich eine Situation so gut wie möglich nutzen kann. Insbesondere die Sportzeit lässt sich dadurch gerne mal ein wenig ausdehnen.

Doch einem der besten Aspekte meines Auslandsjahrs habe ich hier noch gar nicht genug Aufmerksamkeit geschenkt: Meinen und Letizias Zimmerpartnerinnen, den „Shilong-Mädchen“. Sie alle kommen aus dem Nordosten Indiens, einem quasi völlig anderen Kulturkreis. Sowohl ihr Aussehen als auch ihr kultureller Hintergrund sind sowohl asiatisch als auch britisch geprägt und dennoch gehört auch die indische Kultur für sie zur Normalität. Dadurch können sie sowohl mich als auch die Menschen hier um mich herum verstehen und wurden meine engsten Freundinnen im Internat.

Geburtstagsparty zimmer

Insbesondere die Nächte machen viel Spaß mit ihnen: Ob Geburtstag, Wochenende oder einfach Spaß-an-der Freud´- unsere nächtlichen „Parties“ haben mir gezeigt, wie viel mehr man sein kann, wenn man weniger hat.

Selbstgemachte Karten, mit nichts anderem als weißem Papier und Farbstiften hergestellt, werden zu den schönsten Geschenken, die ich je bekommen habe und improvisierte Tänze zu laut abgespielter MP3-Player-Musik werden zur Performance, „Kuchen“ aus Milch und zermantschten Keksen zu einer meiner Lieblingsspeisen.

Diese Mädchen sind für mich nicht nur verdammt gute Freunde, sie sind für mich pure Inspiration und ein Beispiel für reinste Lebensfreude. Als Zwöftklässlerinnen und potentielle „Topper“ wird ihnen eigentlich das Leben hier zur Hölle gemacht. Täglich müssen sie stundenlange Prüfungen in zwei verschiedenen Fächern schreiben und außer Lernen und Schlafen wird eigentlich nur noch Essen erlaubt. Ich weiß nicht, wie sie alle mit den 4-5 Stunden Schlaf, der ihnen pro Nacht bleibt, so fröhlich sein können und woher sie die Kraft nehmen, so viel und so herzlich zu lachen. Selbst samstags und sonntags haben sie Prüfungen.

Ich weiß leider, dass sie die Schule hier sogar noch vor mir verlassen werden. Ich weiss aber auch, dass ich sie alle eines Tages wieder sehen und garantiert NIEMALS vergessen werde!

Founder´s Day

Nach langen Vorbereitungen kam schließlich der Tag des Founder`s Day. Für alle in der Schule war es reinster Stress, denn hier ging nun alles um die Repräsentation vor den Eltern- und die musste einfach gut sein. Es wurde eine sieben auf zwanzig Meter und einen halben Meter hohe Bühne aufgebaut und auf dem gesamten Schulfußballstadium  (dass eigentlich die Größe eines Handballfelds hat) wurden Stühle verteilt. Es wurde eine Naturwissenschafts-Ausstellung vorbereitet und angeblich auch Essen angeboten – davon haben wir als Internatsschüler aber selbstverständlich nicht einmal etwas sehen dürfen, da es sowieso nicht ausreichte.

Aber das Herz der Veranstaltung war  natürlich das Programm, auf das wir alle so intensiv hingearbeitet hatten. Ein Programm, das sich letzten Endes aus der Zusammenarbeit einer ganzen Schule zusammensetzte, in der JEDER mindestens einmal teilnehmen musste! Dafür alleine schon möchte ich hier meinen Respekt an die Lehrer ausdrücken, denn ohne sie hätte man eine solche Veranstaltung niemals durchführen können und in Indien wird das ja immer weniger betont und als Erfolg der Schulleitung gesehen, die dem ganzen mehr im Wege stand, indem sie die meiste Zeit das Üben verboten hatte.

Da wir als Internatsschüler den mehr als 10 Minuten dauernden Eröffnungstanz vorbereitet hatten, waren wir gleich die ersten, die auf die Bühne mussten. Ich war deshalb ein wenig nervös, da ich ja für gewöhnlich nicht gerade die Person zum Tanzen bin, aber da ich es inzwischen gewöhnt war generell immer vorgeführt zu werden – singen, Hindi-Rede oder einfach nur als Fotohintergrund – war es dann doch nicht ganz so schlimm. Doch dann passierte es: Die Technik scheiterte daran, das Lied richtig abzuspielen und übersprang die ersten 40 Sekunden. Das Problem war: Es handelte sich dabei um einen altindisches Lied, dass rein instrumentell war und bei dem man an manchen Stellen kaum bis gar keine Unterschiede in der Musik hört und deshalb nicht sagen kann, an welcher Stelle in dem Lied man sich denn jetzt wirklich befand. Dennoch gelang es uns, das Ganze so gut es ging zu retten. Und schließlich gingen die zehn Minuten ganz schnell  vorbei.

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Dann folgte eine beinahe zweistündige Rede der Autoritäten, die garantiert nicht eine einzige anwesende Person interessierte. Schließlich kam dann aber das lange ersehnte Programm: Angefangen mit den Schülern der Preprimary School, das heißt im Alter zwischen zwei und fünf Jahren mit Tänzen zum Thema Liebe und sogar- ungewöhnlich für Indien- einem Partnertanz auf das Lied „Thousand Years“ (Ich habe selten so etwas süßes gesehen!) Dann folgten weitere Tänze, die verschiedene andere Gefühle darstellen sollten, von Furcht, über Nettigkeit, zu Grausamkeit. Auch wenn das indische Publikum dem Aufnehmen von „Selfies“ weit mehr Aufmerksamkeit schenkte als dem Programm selbst, hatten wir jede Menge Spaß.

Am Ende lässt sich sagen, dass die Sache an sich vor allem eine große Leistung der Schüler und Lehrer war. Was die Organisation angeht, so  fand ich persönlich, dass sich mehr hätte machen  lassen. Zum Beispiel ausreichend Essen und für alle, andere Getränke als nur stilles Wasser, eine Bühne, die man sehen konnte (denn ausgenommen von der ersten Reihe konnte keiner wirklich etwas sehen, da zwar die Bühne riesig war, aber das macht die Tänzer am Ende ja nicht größer und von 40 Metern Entfernung, in der die Stühle standen, konnte man eigentlich nichts sehen.) Dann noch bessere Technikeinstellungen (das Licht hat meistens einfach leere Punkte fokussiert oder die Füße einer Person, die gerade eine Rede hielt und ähnliches, einfach weil es nie eine Probe mit Technik gab. Aber ansonsten haben alle ihr Bestes gegeben, und dass nicht ausreichend Zeit für die Vorbereitungen gegeben wurde war ja nicht die Schuld der Schüler.

Und ich kann ja letzten Endes froh sein, dass zumindest unserem Tanz, dank unserer Internatsbetreuerin Kanishka Ma’am, ausreichend Zeit zum Üben zur Verfügung gestellt wurde!

Vorbereitungen zum „Founders Day“

Indische Schulen feiern jedes Jahr ein großes Fest, das sie „Founders Day“ nennen. An diesem Tag soll die ganze Schule, ausgenommen der Zwölftklässler, auf der Bühne stehen und etwas vorführen. Alle Eltern sind zu diesem Anlass eingeladen. Von klassischen Tanz über modernen Gesang, „science exhibitons“ bis zu Kunstausstellungen, etc. ist alles dabei. Jeder und jede kann sich hier unter Beweis stellen.

Ich persönlich habe mich dem Tanz der Internatsmädchen unter der Leitung von Kanishka Mam angeschlossen. Wir haben 10 Minuten klassischen indischen Tanz vorbereitet und sogar den Eröffnungstanz zugewiesen bekommen. Das bedeutet allerdings viele anstrengende Tage:  Um genug Zeit zum Üben zusammen zu bringen wurden Sportzeiten und schlafstunden gestrichen. Auch wenn es ein wenig an Disziplin fehlte, wurde bis spät in die Nacht geübt und am nächsten Morgen erwartet, dass wieder alle Punkt 6 Uhr bereit standen.

Da ich nicht für zwei Wochen auf Sport verzichten wollte, hieß das für mich, um kurz nach fünf aufzustehen, joggen, duschen, tanzen. Außerdem mussten wir im gleichen Zeitraum auch noch Tests schreiben.

Dann aber kam der beste Teil: In der Woche vor dem Founders Day wurden alle Schulstunden gestrichen, weshalb es direkt nach dem Frühstück wieder ins Internat ging. Dann konnten wir mehr oder weniger bis zum Mittagessen schlafen, weil andere Gruppen in dieser Zeit üben sollten. Danach sollten wir 1-2 Mal unseren Tanz vorführen und den Anderen beim Üben zuschauen. Danach Sportzeit bis 19:00 Uhr. Dann wieder eine Stunde Tanzen und danach Schlafen. Das bedeutete, dass ich die Sportzeit in vollen Zügen genießen konnte und ohne Sorgen riskieren konnte, richtig müde zu werden. Irgendwie war es wie Ferien, nur noch besser.

Diwali

„Great Diwali sale!“…. ich glaube, dieser Satz war das erste, was ich von Diwali wahrgenommen habe. Überall war „great Diwali sale“ und die Stimmen aus der Werbung sind so einprägsam, dass sie noch immer in meinem Kopf herumschwirren. Ich kam selbst nicht dazu, einkaufen zu gehen. Aber das Kaufen besonderer, größerer Dinge in den Tagen rund um Diwali soll angeblich Glück und Sicherheit bringen. Deshalb hat sich meine Gastfamilie auch traditionsgemäß zu Diwali ein neues Auto gekauft.

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Da ich selbst aber im Internat wohne, habe ich nur die drei eigentlichen Diwali-Festtage selbst miterlebt. Diwali ist das Fest des Lichts. Der hinduistischen Übrlieferung zufolge erinnert das Fest an den Tag, an dem der Liebling der Götter und des Volkes, König Rama, nach 14 Jahren unrechtmäßiger Verbannung und nachdem er seine Frau Sita aus den Fängen des Dämonenkönigs Ravan befreit hat, in sein Königreich zurück kehrt. Zuvor musste er aber noch Ravan in einem schweren Kampf und mit der Hilfe des Affenkönigs Hanuman besiegen.

Die Dekoration mit Lichterketten und Kerzen symbolisiert die Abertausende von Lichtern, die Ayedveda, das Königreich Ramas, am Tag seiner Rückkehr beleuchteten. Diwali wird in Indien auch von Anhängern anderer Religionen, z.B. von Buddhisten und Sikhs, gefeiert, allerdings mit einem anderen Hintergrund.

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Die drei Hauptfeiertage bilden eine Art Steigerung. In den ersten beiden Tagen wird quasi gefeiert, dass Diwali bald kommt, vergleichbar mit unserem Advent vor Weihnachten. Obwohl Diwali das wichtigste Fest für die Kaste ist, der meine Familie angehört, merkt man am Vormittag noch recht wenig von der herannahenden Feier am Abend. Es wird ausgeschlafen, erst einmal gefrühstückt und man nimmt sich auf indische Weise viel Zeit für alles. Erst als ich mich anziehen möchte, wird eine Veränderung erkennbar: Meine Gast-Mutter schickt mich gleich noch einmal zum Umziehen, da man an Diwali kein Schwarz tragen darf.

Dann wird ein etwas aufwändigeres Mittagessen gekocht. Und schließlich beginnt die erste Aya-Zeremonie: Für den ersten Tag wird, ähnlich zu unserem ersten Advent, nur eine Kerze während der Zeremonie angezündet. Dann wird der elefantenköpfige Gott Ganesha symbolisch gebadet und mit Blättern bekleidet. Ihm werden Süßigkeiten, Blumen und Geld geopfert. Darauf folgt die gleiche Zeremonie für die Familiengöttin Lakshmi, die durch eine Reihe von Münzen symbolisiert wird, da sie unter anderem die Göttin des Wohlstands und des Reichtums ist. Lakshmi wird vor allem von Händlerkasten verehrt, zu denen auch meine Familie gehört.

Nachdem alle Götter gebracht wurden und jedem Familienmitglied ein roter Strich auf die Stirn gemalt wurde und Reiskörner darauf getupft wurden, folgt ein etwa 15minütiger Sprechgesang in Sanskrit, der als heilig und rein geltenden Sprache des Hinduismus. Danach bringt jeder noch ein eigenes Blumen- und Geldopfer dar, betet und empfängt niederkniend den Segen der Götter.

Nach dem Ende der Zeremonie folgt dann aber der wirklich harte Teil: Nach einer vollen Stunde in dem für mich sehr ungewohnten und unangenehmen Lotus-Yogasitz muss man ohne in die Knie zu gehen aufstehen und vor jedem einzelnen Ahnenbild im Haus gebeugt beten.

Dann folgt ein traditionelles Diwali-Abendessen und schließlich ein kleines Feuerwerk, mehr zum Spaß als im Sinne religiöser Tradition, denn der eigentliche Diwali-Tag ist ja noch gar nicht gekommen. Doch ein Feuerwerk gehört an einem Fest der Lichter einfach dazu. In Nordindien sollen die Leute sogar schon Wochen vor Diwali mit dem Abbrennen von Feuerwerk anfangen – aus purer Freude, dass bald Diwali ist.  Dann, gegen 23:00 Uhr, geht es wieder zurück ins Haus und etwa eine Stunde später wird geschlafen.

Der nächste Tag verläuft recht ähnlich. Mit dem Unterschied, dass dieses Mal fünf Kerzen während der Zeremonie brennen und ein etwas größeres Feuerwerk veranstaltet wird. Um 23:00 Uhr geht es danach auch nicht gleich zurück ins Haus, sondern zum Einkaufen von Diwali-Geschenken. Also gehen wir zu einem Süßigkeiten-Laden namens „Sweet India“, um dort beinahe zwei Stunden lang getrocknete Früchte und Nüsse zu kaufen. Die meiste Zeit benötigt aber die Auswahl der Verpackungen.

Ich habe keine Ahnung, wann wir in dieser Nacht nach Hause kamen, aber das nächste, woran ich erinnere, ist, dass wir am nächsten Tag viel früher geweckt wurden als an den Vortagen. Dennoch läuft der Vor- und Nachmittag recht gemütlich ab. Das Einzige, worum wir uns sorgen müssen, sind Outfit und Mahlzeiten.

Am Nachmittag wird noch einmal eine Puja abgehalten. Dieses Mal mit 52 Kerzen. Und drei Stunden lang. Allerdings schicken mich meine Gasteltern anch einer Stunde mit meiner Gastschwester Sanjana los, um das Rangolie, ein Teppich-ähnliches Bild auf dem Boden, bestehend aus Blütenblättern und Farbpulvern, vor der Haustür vorzubereiten. Danach gingen wir mit unserem kleinen Bruder raus, um schon einmal das Feuerwerk zu starten. Zwischendurch gibt es noch ein genial leckeres Essen. Wir verbringen etwa vier bis fünf Stunden mit dem Feuerwerk. Danach treffen wir noch etwa eine Stunde lang Freunde.

Und spät in der Nacht geht Diwali dann zu Ende.

 

Probleme

Kleinere Probleme gab es natürlich während des gesamten Auslandsjahrs. Das erste Mal dass mir dabei aber alles zu viel wurde, war Anfang November. Letizia und ich hatten oft versucht, diese Probleme selbst zu lösen, allerdings entschieden wir uns dann, dass wir dringend die Hilfe von AFS brauchten, da es so nicht mehr weiter gehen konnte. wir riefen also nach der Midterm-Orientation einen AFS-Freiwilligen an und baten ihn um Hilfe. Dieser trug uns auf, eine Mail mit einer Zusammenfassung unserer Probleme zu schicken.

Diese gingen leider allesamt von nur einer Person aus, von der wir mehr abhingen als von jeder anderen, nämlich der uns eigentlich von AFS zur Verfügung gestellten Betreuerin, deren Aufgabe es gewesen wäre, uns zu helfen, die aber in Wirklichkeit die Quelle aller unserer Probleme ist. Es war ein seltsames Gefühl, sich zu beschweren, weil AFS uns viele Male aufgetragen hatte, das selbst nicht zu tun, aber warum waren wir denn sonst mit einer Organisation nach Indien gekommen, wenn nicht, um in schwierigen Situationen auf Hilfe hoffen zu können?

Und unsere Liste mit Beschwerden war lang. Die Kommunikation mit unserer AFS- Betreuerin klappt nämlich überhaupt nicht. Es ist ja schon beunruhigend, dass sie eine Angestellte der Schule ist, obwohl uns doch eine unabhängige
Vermittlerin von AFS zusteht. Dazu kommt noch, dass diese Frau keinerlei Verständnis für uns hat und jede Situation grundsätzlich falsch versteht. Ich kann mich an kein Gespräch mit ihr erinnern, dass nicht irgendwann in einem Konflikt endete, ganz egal ob das Gespräch zwischen ihr und uns oder ihr und den indischen Schülern verlief. Dabei zweifele ich persönlich auch daran, dass ein kultureller Konflikt vorlag, da selbst indische Erwachsene von außerhalb der Schule uns Schüler nach dem Kontakt mit ihr fragen: „Wie könnt ihr diese Frau nur tolerieren?“ oder „Die Frau zerstört ja den Ruf der ganzen Schule!“

Und da sie beinahe unbegrenzte Verfügungsgewalt  über Letizia und mich hat, leiden wir natürlich am meisten unter ihr. Die Probleme begannen schon in der ersten Woche: Sie fragte Letizia und mich beide nach einem Gastgeschenk. Da ich noch ein Geschenk übrig hatte, war es  kein Problem für mich, ihr eines zu überlassen. Letizia hatte allerdings keine Geschenke übrig. Deshalb musste sie sich dauerhaft Kommentare darüber anhören, wie undankbar sie war, weshalb ich mich wiederum unwohl fühlte, da ich das Gefühl hatte, sie mit meinem Geschenk in ihrer Erwartungshaltung bestätigt und damit einen ungleichen Umgang mit uns beiden ausgelöst zu haben. Wenige Tage später nahm ich die Schokolade aus dem Internat mit, die eigentlich für meine Gastfamilie als Geschenk bestimmt war. Als ich damit die Schule verlassen wollte, begann meine Betreuerin Kalyani, meine Tasche zu durchsuchen, bis sie die Schokolade schließlich fand. Sie drängte mich dazu, ihr diese zu  geben, da sie die erste Schokolade ihrem Bruder geschenkt habe und diese ihm doch so gut geschmeckt habe. Ich erklärte  ihr, dass es nicht möglich war, ihr die Schokolade zu überlassenen, da sie doch als Gastgeschenk für meine Familie gedacht gewesen sei, doch das interessierte Kalyani wenig. Sie erklärte, dass ich meiner Familie doch sowieso schon so viel geschenkt hatte und ihr zu wenig. Die Diskussion dauerte lange an und endete mit einer gekränktem Kalyani, die danach wiederum demonstrativ Letizia bevorzugte.

Naja, das größte Problem an der ganzen Sache ist, dass alle Kommunikation zwischen uns, AFS, der Gastfamilie und der Schule nur über diese Betreuerin läuft und dies wiederum zur falschen Weitergeben von Informationen und oft auch problematischen Missverständnissen führt. Ihre Art, Dinge weiterzugeben und dabei stets ihre eigene Interpretation der Situation zu Grunde zu legen, verursacht immer größere Probleme.

Sie schafft es oft, den Menschen einen falschen und für gewöhnlich negativen Eindruck von mir und Letizia zu vermitteln und gab sich zudem alle Mühe, direkten Kontakt zwischen uns und diesen Personen zu verhindern. So erzählt sie beispielsweise den Lehrern und vor allem der Schulleiterin immer wieder, dass ich mich zu lernen weigere und mich für nichts anderes als Sport interessiere. Sie behauptet,  ich interessiere mich weder für das Land noch für  seine Kultur oder eben den Schulstoff. Wenn ich versuche, mich zu erklären und sage, dass ich zwar gerne Sport machte, dennoch aber über vier Stunden jeden Tag mit Lernen verbringe und vor den Prüfungen sogar mehr als 14 Stunden pro Tag, entgegnet sie nur,  sie wisse, dass ich nicht lerne, denn sie sehe mich durch ihr drittes Auge. Selbst als ich sogar für einige Zeit damit aufhörte, Sport zu machen, um noch mehr zu lernen, behauptete sie weiter, sie wisse, ich lerne nicht und wenn sie das sage, sei das eben so, da könne ich machen, was immer ich wolle. Leider wird das Lernen in Indien als absolut das Wichtigste, was ein Jugendlicher in seinem Leben macht, angesehen und jemand der sich zu lernen weigert, gilt als nichtsnutzig und als eine Last für die Gesellschaft. Deshalb war das Bild, das Kalyani auf diese Weise von mir vermittelt, extrem negativ.

Dazu kommt noch, dass sie dazu tendiert, bereits vorhandene Konflikte durch Lügen und ihre weitreichende Fantasie zu verschärfen. Einmal, zum Beispiel, wollte eine Person, die wir nicht wirklich kannten, dass Letizia auf eine Party kommt. Wir wussten nicht warum und hatten auch nie vor, dort hinzugehen, wobei es dabei sowieso nur um Letizia ging. So kam es also, dass dieser Junge es sich erlaubte Letizia’s Gastmutter anzurufen, um diese davon zu überzeugen, Letizia auf die Party zu schicken. Natürlich verärgerte das Kalyani sehr, was unter Betrachtung der kulturellen Situation in Indien auch nachvollziehbar ist.  Wie sie dann aber reagierte war alles andere als angemessen: Erstens gab sie uns beiden die volle Verantwortung für das Geschehen, obwohl wir damit eigentlich nichts damit zu tun hatten und zweitens ging sie sogar so weit, meine Gasteltern (die strenger waren als Letizias) anzurufen und ihnen zu sagen, ich hätte mich beschwert, dass ich nicht auf diese Party dürfte und damit diesen Konflikt ausgelöst. Natürlich brachte das die Beziehung zu meiner Gastfamilie ganz schön aus dem Gleichgewicht, wobei diese glücklicherweise größeres Vertrauen in mich hatte als in Kalyani. Dennoch kann ich bis heute nicht verstehen, wie es erstens sein kann, dass mein Name überhaupt in die Geschichte hineingezogen wurde, wo er doch in Wirklichkeit nie in diesem Zusammenhang gefallen war und wie es außerdem dazu kommt, dass die Schuld für alles bei mir abgeladen wurde. Was blieb war der Vorwurf, ich hätte mich darüber beschwert, nicht auf eine Party gehen zu dürfen, von deren Existenz ich doch vor dem ganzen Konflikt überhaupt nichts wusste!

Dann, an meinem Geburtstag am 12. September, hatte ich mit meiner Gastfamlie ausgemacht, dass ich die Nacht vor meinem Geburtstag und den Vormittag mit den Mädchen aus dem Internat verbringen sollte und dann am Nachmittag mit ihnen nach Hause fahren sollte, um dort weiter zu feiern. Sie hatten geplant, ein paar Kleinigkeiten zum Essen für die Internatsschüler mitzunehmen und das sowohl mit Kalyani als auch mit der Schulleitung geklärt. Doch als sie auf dem Weg zur Schule waren, um mich abzuholen und die Snacks zu verteilen, bekamen sie plötzlich einen Anruf von Kalyani, sie dürften nicht kommen. Erst wurde gesagt, dass sie später kommen sollten, weil der Kuchen noch nicht da wäre (der Kuchen war zu dieser Zeit schon längst da und wir waren gerade dabei, ihn anzuschneiden), dann hieß es, es würde sich nicht lohnen zu kommen, weil es an der Schule in Strömen regnete (was nicht stimmte) und schließlich wurde ihnen mitgeteilt, dass sie sowieso nicht kommen dürften, weil die Snacks, die sie dabei hatten, auf dem Schulgelände nicht erlaubt waren. Beleidigt fuhr meine Gastfamilie also wieder heim. Und ich wurde mit der Information „sie wollen doch nicht kommen“ im Internat zurück gelassen. Mir war lange nicht klar, was Kalyani mit solchen Aktionen beabsichtigte, doch mit jedem weiteren Ereignis brach das Vertrauen zwischen ihr und mir weiter in Stücke. Sie war wirklich nicht die Person, der ich mich anvertrauen oder die ich um Hilfe fragen wollte. Nein, ich vertraute ihr nicht, nicht einmal ein bisschen und jedes Mal, wenn ich mit ihr sprach, fühlte ich mich als müsste ich gleich heulen. Ich will überhaupt nicht mit ihr sprechen und sie zwingt mich jeden Tag,  zu ihr zu kommen. Diese Begegnung ist der Tiefpunkt eines jeden Tages und selbst wenn ich das Gefühl habe, alles seit bis dorthin gut gegangen, dann ist dies nach dem Gespräch mit ihr nicht mehr der Fall. Sie hat nie auch nur eine einzige gute Sache über mich zu sagen. Sie schreit mich bei jeder Gelegenheit an, beschimpft mich und zweifelt jedes Mal wieder meine Persönlichkeit an. Letizia ergeht es sehr ähnlich.

Einmal fragte Letizia, ob sie eine Freundin besuchen dürfe, deren Eltern sie eingeladen hatte. Die Freundin hatte angeboten, sie zum Mittagessen mit ihrer Mutter abzuholen, dann bei ihr zu Hause zwei Stunden zu verbringen und anschließend nach Hause zu fahren. Da kein Weg daran vorbei führte, fragte Letizia also Kalyani um Erlaubnis. Kalyani allerdings wollte den Kontakt zu diesem Mädchen verhindern. Also behauptete sie, dass Letizia’s Gastfamilie ein Problem damit hätte und sie gebeten habe, dies nicht zu erlauben. Da Letizia sehr enttäuscht war und nicht verstehen konnte warum ihre Gastfamilie ein Problem mit jemandem haben sollte, den sie kaum oder gar nicht kannte, beschloss sie, die Familie darauf anzusprechen. Es stellte sich heraus, dass die Gastfamilie überhaupt nichts von dem Vorhaben gewusst hatte und nie irgendetwas dagegen gehabt hätte. Es war allein Kalyani, die den Kontakt zu verhindern suchte. Im Nachhinein behauptete Kalyani allerdings immer, dass diese Sachen nie passiert wären, also dass meine Gastfamilie beispielsweise nie vorgehabt hatte mich besuchen zu kommen oder dass Letti sie nie gefragt hätte, ob sie sich mit ihrer Freundin treffen dürfe.

Die nächste Sache, die mich ziemlich hart traf, war, dass Kalyani versuchte, meine Internatsleiterin und engste Vertraute gegen mich aufzuhetzen. Sie hatte es nie gerne gesehen, dass ich mit der Internatsleiterin besser zurecht kam als mit ihr und mich deswegen viele Male angeschrien und Dinge gesagt wie: „Sie hat nie irgend etwas für dich getan wie ich es tue. Schreibt sie Berichte über dich an AFS? Hilft sie dir, wenn du Probleme hast? Oder ruft sie den Arzt, wenn du krank bist? Sie würde sich nicht einmal dafür interessieren, wenn du krank bist, für sie bist du nur eine von vielen.“ Wenn ich darauf entgegnete, dass sie sich oft um mich kümmerte wenn ich krank war und mir viel half, war Kalyani tiefst beleidigt, weigerte sich, weiter mit mir zu sprechen und behauptete ich würde nicht wertschätzen, was sie für mich tue.

Deshalb versuchte sie, das Verhältnis zwischen der Internatsleiterin auf einer einen  und Letti und mir auf der anderen Seite zu zerstören. Dieses Verhältnis ist aber nicht nur deshalb sehr wichtig, weil sie als Internatsleiterin, die ganze Woche mit uns zusammenlebt und unter der Woche sozusagen so etwas wie unsere Gastmutter ist, sondern vor allem, weil sie die Person ist, die Letizia und mir am nächsten steht.

Eines Tages hatte Letizia Kalyani gefragt, ob wir denn generell Freunde treffen dürften, was diese verneinte und woraus sie ein riesiges Drama mit dem Vorwurf machte, wir wären nur hier, um Spaß zu haben und nicht, um irgendetwas zu lernen. Sie schrie Letizia an und betonte, wie viel besser ich wäre, weil ich nie wagen würde, solche Fragen zu stellen. Sie sagte, Letizia wäre nicht bereit, der Schule irgendetwas zurückzugeben, obwohl sie doch eine der Klassenbesten ist. Danach befahl Kalyani einer anderen Schulangestellten, Letizia zu sagen, dass sie wolle, dass Letizia zurück nach Italien geht und den Austausch vorzeitig abbricht, wenn sie es noch einmal wagen sollte dieses Thema anzusprechen.

Da Kalyani dazu neigt, immer jedem etwas von ihren Problemen mit uns mitzuteilen, drang diese Nachricht auch zur Schulleitung und eben auch zur Internatsleiterin vor. Weil sie einen Konflikt zwischen uns und ihr provozieren wollte und wusste, dass sie die Internatsmutter nicht einfach mit autoritärem Gehabe ruhigstellen konnte wie uns, erklärte sie ihr: „Wir wissen beide, dass Dunya und Letizia nur ausgehen wollen, um Bier zu trinken und wir wissen auch beide was danach passieren wird!“, wobei sie sich den Ausschnitt etwas tiefer zog und auf ihre Brüste deutete. Jeder, der mich kennt, wird an dieser Stelle wissen, wie ich zu Alkohol stehe und dass der Vorwurf schon alleine deshalb total unsinnig ist und jeder, der Indien kennt wird an dieser Stelle wissen, dass sie uns mit der Andeutung auf sexuelle Vorhaben den Bruch des größten Tabus der indischen Gesellschaft vorwarf! Mehr hätte sie uns in Indien eigentlich nicht erniedrigen können. Wir können nur von Glück reden, dass unser gutes Verhältnis zu unserer Internatsleiterin nicht einseitig war und diese deswegen nur völlig entsetzt zu mir kam und die ganze Geschichte erzählte und immer wieder dabei betonte sie könne einfach nicht fassen, dass jemand so über uns beide, die Schülerinnen, die sie am meisten von allen schätzt, rede. Dennoch müssten wir uns auch darüber im Klaren sein, dass diese Geschichte auch bei vielen anderen Leuten ankam, die nicht wie unsere Internatsleiterin hinter uns standen und unserem Ruf sehr schadeten.

Um Letizia und mich weiter unter Druck zu setzen, vergleicht sie uns außerdem dauernd untereinander. Einerseits erzählt sie mir ständig schlechte Dinge über Letizia und Letizia unangenehme Geschichten über mich, um uns gegeneinander aufzuhetzen (Glaubt sie wirklich, wir würden nicht miteinander sprechen?) andererseits wirft sie mir dauernd vor, alles falsch zu machen und, dass ich mich mehr wie Letizia benehmen solle (mehr tanzen, mehr Yoga,  mehr Zeichnen) und versucht mir sogar, den Sport ganz zu verbieten, damit ich mich ganz auf diese Dinge konzentrieren könne. Gleichzeitig sagt sie zu Letizia, sie solle doch endlich mit der Tanzerei aufhören, denn sie sei fett und solle lieber wie ich richtigen Sport machen und nicht auf Tanzwettbewerbe gehen. Würde es nicht einfach reichen,  uns beide das machen zu lassen, was wir gerne tun und worin wir gut sind, anstatt uns genau das zeitweise ganz zu  verbieten und uns so psychisch ständig weiter unter Druck zu setzen?

Das gleiche Spiel spielt sie auch mit unseren Gastfamilien. Meiner Familie wird vorgeworfen, dass Letizia’s Familie ihr den Geburtstagskuchen gezahlt habe und sie wurden gefragt, warum sie mir keinen in der gleichen Preisklasse bestellt hätten. Letizia’s Gastfamilie wird umgekehrt angekreidet, dass sie weniger mit Letizia kochten als meine mit mir. Mit der Zeit haben unsere Gastfamilien dadurch gar keine Lust mehr, uns aufzunehmen, weil ständig nur Vorwürfe und Beschwerden von Seiten Kalyanis kommen. Wenn meine Gasteltern in einer Woche mit mir kochten und in den Tempel gingen, mussten sie sich dafür verantworten, warum sie mir nicht beigebracht haben, wie man Henna Muster zeichnet, wenn sie genau das in der nächsten Woche taten, mussten sie dafür erklären, warum wir nicht gekocht hatten. Das führte zu immer mehr Frustration und einen zwischenzeitlichen Bruch im Verhältnis zwischen mir und meiner Familie.

Mir fällt es es wirklich immer  schwerer, dass sie uns dazu zwingt,  für jede Kleinigkeit um Erlaubnis zu fragen und uns bestraft, wenn wir es nicht tun, uns aber grundsätzlich nichts erlaubt. Sie war sogar sauer, als ich einmal Nachts um drei Uhr eine Schmerztablette ohne sie zu fragen einnahm, weil ich starke Bauchkrämpfe hatte. Gleichzeitig versucht  sie uns alles zu verbieten, was wir zu tun möchten: Uns mit Freunden zu treffen, Sport zu machen, an schulinternen Wettbewerben teilzunehmen, weil die nicht wichtig genug für uns seien und an schulexternen Wettkämpfen, weil die zu gefährlich seien. An sich verbietet sie uns alles, woran wir Freude haben, mit der Begründung wir seien nur da, um zu lernen.

AFS wurde von uns und auch von meinen Eltern über alle diese Probleme informiert. Allerdings wurden unsere Beschwerden nie soweit ernst genommen, dass etwas dagegen unternommen wurde. Als wir uns dann im November massiv bei AFS beschwerten, war ich an dem Punkt angelangt, an dem ich nicht mehr weiß, was ich tun soll. Ja, ich mag Kalyani nicht, ich vertraue ihr nicht und ich will überhaupt nicht mehr mit ihr sprechen, sie nicht einmal mehr sehen. Was ist der Sinn darin, ihr Sachen zu erzählen, wenn sie nicht einmal bereit ist, wirklich zuzuhören und ihre Meinung sowieso nicht ändert? Ich will nicht mehr, dass sie Dinge über mich weiß und ich habe alles Vertrauen in sie verloren. Sie ist mir keine Hilfe, sondern der Grund  dafür, dass ich dringend Hilfe brauche.

Genau da teilte ich mich auch AFS Indien mit, denn ich bin mir sicher, dass auch AFS kein Interesse daran haben kann, dass die Schüler, für die sie doch verantwortlich sind,  jedes Mal die Tränen zurückhalten müssen, wenn sie mit der Person sprechen, die sie eigentlich unterstützen solle. Es ist schwer zu erklären, wie sehr Letizia und ich am Ende sind, wenn wir ein Gespräch zu ihr geführt haben. Wie wir zusammensitzen und uns gegenseitig  zu ermutigen und zu beruhigen versuchen, bevor wir den Mut fassen,  zu ihr zu gehen, in dem Wissen, dass das Gespräch wieder in einem Streit und schließlich damit enden wird, dass sie uns anschreit und demütigt. Wir haben vorher Angst davor, zu ihr zu gehen wir  verlassen sie immer traurig und wütend. Es  dauerte manchmal den ganzen weiteren Tag, bis es jemand schafft, uns wieder aufzuheitern und am nächsten Morgen wachen wir auf, wohl wissend, dass sich alles wiederholen wird.  Wir haben fast schon Panik vor ihr und dem, was sie tut, denn sie schafft es immer wieder, uns an den Punkt zu bringen, an dem wir einfach nur noch zurück nach Hause wollen.

 

Reise nach Karaikkudi in Tamil Nadu

Ich kann es kaum beschreiben wie sehr Letti und ich uns auf diese kleine „Reise“ gefreut hatten. Denn ab dem Moment, als die Prüfungen zu Ende waren, gab es in der Schule eigentlich fast nichts mehr zu tun. Die meisten Schüler waren schon längst in die Ferien abgereist, sodass sich nicht mehr lohnte, Unterricht abzuhalten und selbst für Aktivitäten oder Spielchen waren wir zu wenige. Im Unterricht waren wir nur noch zu sechst und im Internat fühlte ich mich auf einmal so alleine in meinem Zimmer, dass ich andere Mädchen darum bat, die drei freien Betten dort zu belegen, womit ich letzten Endes die Hälfte der Mädchen unseres Hauses bei mir wohnen hatte. Es gab wirklich nichts mehr zu tun für uns außer zwei Wochen lang die Tage bis zu unserer „Midstay Orientation“ zu zählen.

Und am letzten Donnerstag war es dann endlich soweit: Zuvor hatten wir noch unter Mühen unsere Flugtickets und Pässe von der Schule (zurück) erbettelt, da keiner genau wusste, wer jetzt eigentlich dafür zuständig war, sie uns auszuhändigen. Dann, nach dem Mittagessen, ging es endlich wirklich los. Lakshmi Mam, eine unserer Internatsbetreuerinnen, begleitete uns in einem der Schul-Autos, für das es natürlich einen eigens dafür angestellten Fahrer gibt – es gibt für wirklich alles Personal –  zum Flughafen. Im Auto spielten Letti und ich laut Musik ab und genossen die sehr unterschiedlichen Reaktionen unserer Betreuerin. Als wir den Flughafen erreichten, ging alles ziemlich schnell. Von hier aus mussten wir selbst herausfinden, wie wir nach Bangalore kommen. Schon bald saßen wir dann im Flugzeug. Ich hatte mir am Flughafen für umgerechnet fast sechs Euro eine völlig überteuerte Packung Schogetten gekauft, auf der ein übertrieben großes „German quality“ Zeichen prangte.

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Als wir anderthalb Stunden später in Bangalore ankamen, fiel es uns relativ leicht, die AFS-Freiwilligen zu finden, die uns hier abholen sollten. Danach ging es auch direkt zum Bus, wo wir noch zwei andere Austauschschüler aus Russland und Deutschland trafen. Die Busfahrt, in einem „Schlafbus“ war lang, aber die meiste Zeit lustig, auch wenn die beiden Jungs die ganze Nacht das einzige Bett in unserem Abteil okkupierten und wir so eigentlich nicht zu Schlaf kamen. Nach dieser langen Nacht hatten wir dann endlich das Ziel unserer Fahrt erreicht. Wir kamen am nächsten Morgen gegen neun im Hotel an. Diese Unterkunft war ehemals das Haus einer reichen Großfamilie gewesen, aus dem man ein Museum hätte machen können. Die Architektur war beeindruckend, auch wenn ich mich mehrfach in den Gängen und Innenhöfen verlief. Nachdem uns etwas Zeit zum Duschen und Frühstücken geblieben war, ging das Seminarprogramm auch schon los. Wir waren acht Austauschschüler und ein paar AFS-Betreuer. Trotz aller Müdigkeit hatten wir gleich ganz viel Spaß. Egal ob wir unsere Stimmungskurve oder unser indisches soziales Umfeld zeichnen mussten, wir kamen immer zu überraschenden Ergebnissen und dank regelmäßiger philosophischer Beiträge von italienischer Seite erhielt das alles sogar noch einen tieferen Sinn.

Essen bananenblatt

Zwischendurch gab es natürlich Mittag-und Abendessen – alles auf Bananenblättern (!) serviert – und als das Programm gegen zehn Uhr am Abend endete, durften wir für eine halbe Stunde in den Swimming Pool springen und danach wurde noch gemeinsam ein Hindi-Film angeschaut. Danach hätten wir eigentlich schlafen sollen (was zumindest ich auch wollte), aber da Italiener – ich will ja keine Namen nennen 😉;) – so früh grundsätzlich nicht schlafen, ging es noch einmal heimlich aufs Dach, auch wenn es uns nicht gelang, dort hinzukommen, wo wir eigentlich hin wollten. Gegen drei Uhr verabschiedete ich mich schließlich doch zum Schlafen und verlief mich sofort wieder im Hotel… Es war wirklich ein Glück, dass man Italiener aus zwei Kilometern Entfernung hören kann, denn so ganz ohne Licht lief ich erst einmal für eine Stunde in völliger Dunkelheit gegen verschlossene Türen und fiel auch ab und an eine viel zu enge Treppe herunter. Schließlich fand ich mein Zimmer aber doch mit Hilfe der anderen und das nächste, woran ich mich erinnern kann, ist, dass Letti mich am nächsten Morgen aufweckte.

Ich spürte zu meiner Überraschung kaum, dass ich so wenig geschlafen hatte, was nur gut war, da ich ansonsten diesen phantastischen Tag nicht hätte würdigen können. Uns wurde gesagt, wir sollen um 6:30 Uhr aufstehen, sodass wir bis spätestens um Acht starten können, als wir aber zehn Minuten vor Acht das Frühstück beendeten, hatten unsere Betreuer noch nicht einmal ihre Zimmer verlassen. Auch unser Bus kam beinahe anderthalb Stunden zu spät.

Der Bus war ein Schulbus, sah mit den rot gepolsterten Sitzen, dem endlosen Fußraum und den fünf Sitzen pro Reihe aber beinahe aus wie die erste Klasse eines Kurzstreckenflugzeugs. Es war allerdings unmöglich, unter diesen Bedingungen noch wach zu bleiben, weshalb ich mich nur noch daran erinnere, dass wir irgendwann angekommen sind. Wir hatten eine Einladung von einer örtlichen internationalen Schule, auf die auch zwei der AFS-Schüler gingen. Wir erwarteten dort eigentlich nur, die Räume benutzen zu dürfen und vielleicht noch ein Mittagessen in der Schulkantine zu bekommen, als wir aber schließlich dort ankamen, waren wir sprachlos: Schon bevor wir etwas sehen konnten, hörten wir ein Stimmengewirr, dass von mindestens zwei- oder dreihundert Personen stammen musste und vor uns standen Frauen, die uns mit roter Farbe einen Bindi (der indische Punkt auf der Stirn, der das dritte Auge symbolisiert) aufmalten und Blumengirlanden gaben. Als nächstes wurden Fotos gemacht, bis schließlich von hinter dem Gebäude, vor dem wir standen, eine Stimme ertönte: „Now, let us all welcome our special guests, who came from all around the world to see our country!“ Etwas nervös liefen wir nun also zu den für uns frei gelassenen Ehrenplätzen in der ersten Reihe, wissend dass ein paar hundert Augen auf uns gerichtet waren. Vor uns ragte ein mindestens 10 auf sieben Meter großes AFS-Plakat auf. Die gesamte Schulversammlung war nur für uns organisiert worden. Als nächstes richteten dann zwei Schülerinnen einige Worte an uns, das Morgengebet wurde gemeinsam abgehalten und ein Zitat für den Tag vorgelesen.

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Dann ging das eigenliche Programm los: Nur für uns wurden verschiedenste Tänze aufgeführt, in phantastischen indischen Gewändern und mit einer tieferen Bedeutung, die man erkannte, wenn man nur richtig hinsah und die klassischen indischen Elemente zu deuten weiß. Wir waren so berührt, dass wir nicht wussten, wie wir auf das Ganze reagieren sollten. Einige von uns wurden darum gebeten, Grußworte an die Schule zu richten, danach ging es noch einmal zum Fotografieren. Als schließlich jeder Winkel aufgenommen war, wurden wir schließlich zur Fortsetzung des AFS- Seminarprogramms geschickt, das um die Mittagszeit endete. Und wieder gab es eine Überraschung von Seiten der Schule: Wir wurden nicht einfach wie alle anderen in die Kantine geschickt, sondern bekamen ein eigens für uns zubereitetes traditionelles indisches Mittagessen mit allem Drum und Dran – und natürlich auch, wie es sich in Südindien gehört – auf Bananenblättern. Zudem wurden wir noch zum Abendessen eingeladen.

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Am Nachmittag ging es erst Mal raus in die Stadt. Wir wollten schließlich auch den Ort sehen, für den wir eine so lange Reise auf uns genommen haben. Erst besichtigten wir ein Königshaus, anhand dessen wir die regionalen indischen Architekturstile erkennen konnten. Dann wurden wir zu Kaffee und Zitronensaft eingeladen und zuletzt ging es noch auf den typisch indischen Basarstraßen zum Shoppen. Es war phantastisch!

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Als das Programm schließlich zu Ende war, wollte eigentlich keiner von uns gehen, obwohl wir alle absolut fertig waren. Dennoch blieb uns nichts anderes übrig und so saßen wir nach zwei Stunden Wartezeit schließlich im Bus zurück nach Bangalore. Dieses Mal schreckten Letizia und ich die Jungen bewusst von Anfang an ab, um nicht noch einmal gestört zu werden und nach einem einstündigen Gespräch mit einem jüngeren AFS-Freiwilligen (mir tat wirklich leid, dass er während der ganzen Zeit in dem wackeligen Bus vor unserem Bett stehen musste, aber es ging eben nicht anders), entschieden wir uns schließlich, doch noch zu schlafen, um schon einmal gegen das drohende Schlafdefizit anzukämpfen. Am nächsten Morgen waren wir wieder in Bangalore, wo wir ins Haus eines AFS-Freiwilligen eingeladen wurden. Von dort aus zeigte uns der Mann noch etwas von seiner Stadt und kaufte für uns Snacks, bis wir dann schließlich zum Flughafen mussten. Wir hätten uns wirklich gewünscht, dass diese „Orientation“ etwas länger gedauert hätte.

Bangalore Gruppe