Auf einmal ist alles so normal: Morgens um halb sechs zum Frühsport geweckt zu werden ist normal, den Unterrichtsstoff diktiert zu bekommen ist normal, nachts sinnlose Formeln auswendig lernen ist normal. Es scheint nichts mehr seltsam oder komisch zu sein, nicht einmal anders. Das frühere Bewusstsein für den Unterschied der Kulturen verschwindet immer weiter. Inzwischen ist es völlig selbstverständlich nicht das Internat zu verlassen, wenn man Hot Pens trägt, Jungen schroff abzuweisen, wenn man bemerkt, dass das momentane Gespräch zu viel Aufmerksamkeit erregt oder am Morgen um vier geweckt zu werden, weil am nächsten Tag Prüfungen sind. Vielleicht hat sich mein Denken geändert, aber manchmal finde ich alles hier einfach „normal“. Es ist gewiss nicht schlechter, als das, was ich gewohnt bin, dennoch waren anfangs die Werte hier oft so unterschiedlich, dass Akzeptanz nicht immer auf Anhieb möglich war.

Es ist inzwischen ein Alltag eingekehrt, der mich oft so blind für die Unterschiede macht, dass mir oft erst am Abend auffällt wie „indisch“ ich in einigen Situationen gehandelt habe. Vor allem in den letzten Wochen blieb nicht besonders viel Zeit zum Denken oder Reflektieren. Wir mussten uns auf die Halbjahresprüfungen vorbereiten, die in den letzten beiden Wochen stattfanden. Oft ging es bei der Vorbereitung auf diese Prüfungen überhaupt nicht um die Effizienz des Lernens, wichtig war allein, dass man etwas lernte und das auch gerne Mal bis zwei Uhr nachts, um dann am nächsten Morgen um vier Uhr weiterzumachen. Dieser extreme Aufwand für die Prüfungen ist hier völlig normal, gute Noten werden immer erwartet und auch der Wertschätzung des Schülers von seiten der Schule ist vor allem von den Noten abhängig. Natürlich gibt es auch hier, vor allem unter den Jungs, einige Schüler, die aus purer Faulheit durch alle Prüfungen fallen, dennoch wird das viel weniger akzeptiert als in Deutschland. Die Erwartungshaltung, dass eine Person gut in der Schule zu sein hat, ist recht selbstverständlich in einem Land, in dem es schon reicht, den Schulkampus zu verlassen, um sofort Kinder zu sehen, die sich nie in ihrem Leben einen Schulbesuch leisten können werden. Leider gibt es aber auch die Tendenz von Kindern aus besonders reichen Familien, sich in der Wahl der Universität auf die Geldspenden des Vaters zu verlassen, wodurch sie das ganze Geld, das ihre Eltern für die Schule zahlen, nur verschwenden und keinerlei Interesse am Lernen oder am Bestehen der Prüfungen zeigen. Das Traurige dabei ist, dass sie damit auch noch Erfolg haben, da Indiens Korruption nur auf dem Papier verboten ist.
Auch für mich bedeuteten die Prüfungen ganz wenig Schlaf, ein Aussetzen aller sportlichen Aktivitäten und sogar gesundheitliche Beschwerden. Die Menge an Informationen, die in den Fächern auswenig gelernt werden muss, ist für mich extrem ungewohnt, es geht kaum um Verständnis, dafür umso mehr um wortgetreue Wiedergaben des Lernstoffs. Manchmal ist es ein wenig als würde man ein Telefonbuch auswendig lernen: Eine Mischung aus fremden Namen, scheinbar sinnlosen Zahlen und endlosen Informationen und Definitionen. Leider konnte ich mich dabei meistens nur an die Zahlen erinnern.
Doch seit letztem Montag sind die Prüfungen (endlich) vorbei. Zwar befinde ich mich jetzt in der umgekehrten Situation, da zwar noch immer Schule ist, aber einfach nichts mehr gemacht wird und sowieso nur noch sechs Leute aus meiner Klasse zum Unterricht erscheinen. Es bleibt kaum etwas anderes übrig, als auf das Ende der Schulzeit zu warten, da auch die meisten meiner Freunde aus dem Internat inzwischen nach Hause gefahren sind und in der Klasse eine ungewohnt unindische Stille herrscht. Die Stühle sind leer, vereinzelte Schüler schlafen, die Lehrer sitzen vor der Klasse, sehen, aber keinen Sinn darin, sie zu unterrichten und die Gespräche drehen sich hauptsächlich um erwartete Prüfungsergebnisse. Ab und zu kommt eine Konversationen zustande, doch es gibt kaum Themen, über die man sprechen könnte, da alle Schüler der Klasse ihre letzten Wochen auf die genau gleiche Weise mit Auswendig lernen verbracht haben, sodass die Zeit einfach still gestanden zu sein scheint. Dafür ist die Zeit nach der Schule dann umso besser: Die Sportzeit weiß ich nach den Prüfungen umso mehr zu schätzen und das scheint den anderen ähnlich zu gehen, weshalb immer mehr Fußball- oder Volleyballspiele zustande kommen. Diese Zeit gibt mir einfach ein Gefühl von Freiheit. Die dreistündige Studierzeit darf ich dann sogar am Laptop verbringen, um mir Nachrichten (oder die „Heute Show“) anzuschauen, erlauben es mir, zu schlafen oder bringen mir, nachdem ich die letzten paar Tage dazu genutzt habe, endliche die Hindi-Schrift zu lernen, ein wenig Hindi bei.
Ich freue mich jetzt jedenfalls auf den AFS Trip, der ab Donnerstag starten wird, in dem wir drei Tage mit anderen AFS-Austauschschülern in Tamil Nadu verbringen werden. Es ist eine schöne Gelegenheit, auch Mal aus dem ganzen Schulalltag herauszukommen und mit anderen Schülern Erfahrungen auszutauschen. Außerdem fangen damit erst einmal die Ferien an…






