Normalität

Auf einmal ist alles so normal: Morgens um halb sechs zum Frühsport geweckt zu werden ist normal, den Unterrichtsstoff diktiert zu bekommen ist normal, nachts sinnlose Formeln auswendig lernen ist normal. Es scheint nichts mehr seltsam oder komisch zu sein, nicht einmal anders. Das frühere Bewusstsein für den Unterschied der Kulturen verschwindet immer weiter. Inzwischen ist es völlig selbstverständlich nicht das Internat zu verlassen, wenn man Hot Pens trägt, Jungen schroff abzuweisen, wenn man bemerkt, dass das momentane Gespräch zu viel Aufmerksamkeit erregt oder am Morgen um vier geweckt zu werden, weil am nächsten Tag Prüfungen sind. Vielleicht hat sich mein Denken geändert, aber manchmal finde ich alles hier einfach „normal“. Es ist gewiss nicht schlechter, als das, was ich gewohnt bin, dennoch waren anfangs die Werte hier oft so unterschiedlich, dass Akzeptanz nicht immer auf Anhieb möglich war.

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Es ist inzwischen ein Alltag eingekehrt, der mich oft so blind für die Unterschiede macht, dass mir oft erst am Abend auffällt wie „indisch“ ich in einigen Situationen gehandelt habe. Vor allem in den letzten Wochen blieb nicht besonders viel Zeit zum Denken oder Reflektieren. Wir mussten uns auf die Halbjahresprüfungen vorbereiten, die in den letzten beiden Wochen stattfanden. Oft ging es bei der Vorbereitung auf diese Prüfungen überhaupt nicht um die Effizienz des Lernens, wichtig war allein, dass man etwas lernte und das auch gerne Mal bis zwei Uhr nachts, um dann am nächsten Morgen um vier Uhr weiterzumachen. Dieser extreme Aufwand für die Prüfungen ist hier völlig normal, gute Noten werden immer erwartet und auch der Wertschätzung des Schülers von seiten der Schule ist vor allem von den Noten abhängig. Natürlich gibt es auch hier, vor allem unter den Jungs, einige Schüler, die aus purer Faulheit durch alle Prüfungen fallen, dennoch wird das viel weniger akzeptiert als in Deutschland. Die Erwartungshaltung, dass eine Person gut in der Schule zu sein hat, ist recht selbstverständlich in einem Land, in dem es schon reicht, den Schulkampus zu verlassen, um sofort Kinder zu sehen, die sich nie in ihrem Leben einen Schulbesuch leisten können werden. Leider gibt es aber auch die Tendenz von Kindern aus besonders reichen Familien, sich in der Wahl der Universität auf die Geldspenden des Vaters zu verlassen, wodurch sie das ganze Geld, das ihre Eltern für die Schule zahlen, nur verschwenden und keinerlei Interesse am Lernen oder am Bestehen der Prüfungen zeigen. Das Traurige dabei ist, dass sie damit auch noch Erfolg haben, da Indiens Korruption nur auf dem Papier verboten ist.

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Auch für mich bedeuteten die Prüfungen ganz wenig Schlaf, ein Aussetzen aller sportlichen Aktivitäten und sogar gesundheitliche Beschwerden. Die Menge an Informationen, die in den Fächern auswenig gelernt werden muss, ist für mich extrem ungewohnt, es geht kaum um Verständnis, dafür umso mehr um wortgetreue Wiedergaben des Lernstoffs. Manchmal ist es ein wenig als würde man ein Telefonbuch auswendig lernen: Eine Mischung aus fremden Namen, scheinbar sinnlosen Zahlen und endlosen Informationen und Definitionen. Leider konnte ich mich dabei meistens nur an die Zahlen erinnern.

Doch seit letztem Montag sind die Prüfungen (endlich) vorbei. Zwar befinde ich mich jetzt in der umgekehrten Situation, da zwar noch immer Schule ist, aber einfach nichts mehr gemacht wird und sowieso nur noch sechs Leute aus meiner Klasse zum Unterricht erscheinen. Es bleibt kaum etwas anderes übrig, als auf das Ende der Schulzeit zu warten, da auch die meisten meiner Freunde aus dem Internat inzwischen nach Hause gefahren sind und in der Klasse eine ungewohnt unindische Stille herrscht. Die Stühle sind leer, vereinzelte Schüler schlafen, die Lehrer sitzen vor der Klasse, sehen, aber keinen Sinn darin, sie zu unterrichten und die Gespräche drehen sich hauptsächlich um erwartete Prüfungsergebnisse. Ab und zu kommt eine Konversationen zustande, doch es gibt kaum Themen, über die man sprechen könnte, da alle Schüler der Klasse ihre letzten Wochen auf die genau gleiche Weise mit Auswendig lernen verbracht haben, sodass die Zeit einfach still gestanden zu sein scheint. Dafür ist die Zeit nach der Schule dann umso besser: Die Sportzeit weiß ich nach den Prüfungen umso mehr zu schätzen und das scheint den anderen ähnlich zu gehen, weshalb immer mehr Fußball- oder Volleyballspiele zustande kommen. Diese Zeit gibt mir einfach ein Gefühl von Freiheit. Die dreistündige Studierzeit darf ich dann sogar am Laptop verbringen, um mir Nachrichten (oder die „Heute Show“) anzuschauen, erlauben es mir, zu schlafen oder bringen mir, nachdem ich die letzten paar Tage dazu genutzt habe, endliche die Hindi-Schrift zu lernen, ein wenig Hindi bei.

Ich freue mich jetzt jedenfalls auf den AFS Trip, der ab Donnerstag starten wird, in dem wir drei Tage mit anderen AFS-Austauschschülern in Tamil Nadu verbringen werden. Es ist eine schöne Gelegenheit, auch Mal aus dem ganzen Schulalltag herauszukommen und mit anderen Schülern Erfahrungen auszutauschen. Außerdem fangen damit erst einmal die Ferien an…

Schulalltag in Indien

„Bist du die Deutsche?“, „Wie machst du das, dass deine Haut so hell ist?“, „Kennst du Hitler?“, „Magst du das Essen in Indien?“, „Wie ist das Haus deiner Gastfamilie?“, „Was ist der Beruf deines Vaters?“, „Vermisst du deine Eltern?“, „Hast du schon mal jemanden geküsst?“, „Wie kannst du so lange rennen?“, „Welchen Jungen in deiner Klasse magst du am meisten?“, „Wo liegt Deutschland?“, „Trinken die Deutschen wirklich so viel Bier auf dem Oktoberfest?“, „Welche Bedeutng hat der Name Dunya im Deutschen?“, „Warum benutzt du keine Bleichungscremes?“, „Warum bist du nach Indien gekommen?“. „Wie oft am Tag duscht man in Deutschland?“.

Nicht jede Frage, die man als Ausländerin in Indien beantworten soll, erscheint sinnvoll. Sie kommen von allen Seiten, jeder scheint zu wissen, wer ich bin, grüsst mich, kennt meinen Namn, stellt Fragen. Keine Ahnung, ob ich wirklich Teil der Schule bin. Ich stehe noch immer überall im Mittelpunkt, umgeben von einer Wand aus Geräuschen. Sie bilden ein Knäuel aus Stimmen, dass mich umgibt, fesselt, manchmal fast zu ersticken droht. Ich versuche es zu kontrollieren, doch es hält mich gefangen, packt mich von allen Seiten und hält mich immer fester. Dann tausend erwartungsvolle Blicke. Tausend neue Fragen, tausend Antworten, die ich jetzt geben soll, obwohl ich nicht eine der Fragen wirklich verstanden habe.

Der Lärmpegel bildet eine Einheit, wie weit entfernte Geräusche im Hallenbad und ich wünschte ebenso einfach in das stille, schwerelose Wasser eintauchen zu können, die Ruhe und die Sicherheit zu spüren und nicht das alles verstehen zu müssen. Hindi. Telugu. Eine Mischung aus beidem. Englisch. Oder Telugu? Mein Gehör hat nie gelernt, auf so viele Stimmen gleichzeitig zu reagieren, damit sind mir die Inder weit voraus. Ob ich angesprochen bin, erkenne ich an der Sprache, die sie wählen, auch wenn das Englisch genauso wie Hindi klingt. Es hat mich etwas Zeit gekostet, meine Mitschüler zu verstehen, aber inzwischen stellt das kein Problem mehr dar. Dass die Sprache immer wieder wechselt, ist nicht ungewöhnlich in einem Land mit über zwanzig Amtssprachen und mehr als dreißig Mal so vielen Dialekten, aber das Verständnis wird dadurch nicht unbedingt erleichtert. Zwar beginne ich langsam einige Hindi-Sätze zu verstehen, Telugu kann ich aber noch nicht und das ständige Wechseln zwischen den Sprachen ist sehr verwirrend. Ich weiß nicht, ob sie über mich sprechen, und wenn sie es täten, würde ich es doch nicht verstehen. Ich sehe nur das freundschaftliche Lächeln in ihren Augen, das mich dazu einlädt, noch weiter auf die vielen, vielen Fragen einzugehen. Aber es erinnert mich auch daran, dass dieser Kontakt schon wieder als zu intim angesehen werden könnte, in dieser Schule sind nämlich doppelt so viele Jungen wie Mädchen. Also gehe ich auf Abstand, komme aber bald wieder zurück. Zweifellos, ich mag die Leute hier viel zu gerne, um immer abzuhauen, wenn ein Gespräch Spaß zu machen beginnt und Freundschaft an sich ist ja zumindest nicht direkt verboten. Die Inder selbst lachen über ihre Regeln, suchen Wege, um sich vor den 284 Überwachungskameras zu verstecken und finden diese Wege auch.

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Ich fühle mich wohl hier, manchmal ist es sogar so, als wäre ich schon immer da gewesen und die Privilegien, die mir von allen Seiten zugesichert werden, weil sich die Lehrer und Betreuer gegenseitig reinzulegen versuchen, um mir noch mehr Privilegien zu ermöglichen, machen das alles sogar noch einfacher. Die Gruppe wendet sich wieder mir zu. Irgendjemand schleift einen Arm zu mir, weil noch immer niemand glauben kann, dass es mir gelingt Jungs zu Boden gehen zu lassen. Es war wohl nicht ganz so schlau gewesen, mich mit einem Aikido-Hebel aus dem Griff eines Klassenkameraden zu befreien, der mich spaßeshalber nicht aus der Tür gehen lassen wollte, denn seitdem weiß das eigentlich die ganze Schule und ich musste es mit zu ziemlich jedem einmal ausprobieren, weil alle einander beweisen wollten, dass es nicht an ihrer Schwäche liegt, dass sie zu Boden gehen, sondern an mir. Ich schiebe den Arm weg, genug Hebel erstmal. Die Leute lachen. Fragen. Lachen. Fragen. Ich versuche zu antworten. Noch mehr Fragen. Ich gebe auf. Auf einmal schreit jemand in gefühlt sieben Sprachen. Der Lehrer will Aufmerksamkeit. Stille. Für fast anderhalb Sekunden. Dann gehen die Gespräche wieder weiter als hätten sie nie aufgehört. Der Lehrer kontrolliert die Hefte, doch weiterhin bleibt die Aufmerksamkeit der Klasse fern von ihm. Von der Disziplin, die die Einheit der Schuluniform verspricht, kaum eine Spur. Gelernt wird zu Hause, die Schule ist zum Spaß haben besser geeignet. So sieht in etwa der tägliche Unterricht hier aus. Es macht Spaß, auch wenn es viel Arbeit für die Abendstunden bedeutet.

Heute ist dann etwas Überraschendes passiert: Nachdem ich schon am Wochenende wegen organisatorischer Schwierigkeiten nicht nach Hause gehen konnte, kam heute ein weiterer schulfreier Tag im Internat hinzu: Der ehemalige Präsident von Indien ist gestern Abend gestorben. Deshalb findet jetzt vorerst keine Schule mehr statt. Nachdem meine Zimmerpartnerinnen heute morgen um fünf Uhr geweckt wurden, um zu den „Extra-Classes“ vor der Schule zu gehen, wurden sie auf einmal wieder ins Bett geschickt. Wir haben Ferien, weil der frühere Präsident gestorben ist! Was für mich ziemlich ungewöhnlich klingt, wurde hier von allen erwartet und als normal angesehen und so hoffen einige sogar, dass wir morgen einen weiteren freien Tag bekommen. Aber ich würde mich auch über Schule freuen, weil ich dann meine Gastschwester wieder sehen könnte. Naja, ich bin gespannt was folgt …

Ankunft in einer anderen Welt

In meinem Kopf schwirrt vergraben unter tausend Eindrücken noch immer das Bild meiner Familie herum, kurz bevor ich das letzte Mal den Blick von ihnen abwendete. Nach einem erzwungen viel zu kurzem Abschied wurde ich durch die Zollkontrolle geschleust, nicht nervös oder unsicher, nur verwundert. Ich sehe klar meinen Vater vor mir, wie er mir noch einmal zuwinkt, als er merkt, dass ich zurückblicke, meinen Bruder, der meinen Namen ruft und meine Mutter und meine Oma, die dastehen und wortlos in meine Richtung blicken.

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Dann heißt es Blick abwenden und weiterlaufen, auf den Flug warten, fliegen und auf einmal mitten in Dehli stehen, ohne zu wissen wer uns abholen wird oder ob wir überhaupt abgeholt werden. Zu dritt stehen wir da, müde, ungewiss, aber nicht unglücklich. Wie auch immer, wir kamen an. Dann hieß es erst einmal drei Tage Spaß: In einem Hotel in Dehli, das wir leider nicht verlassen durften, bekamen wir eine Einführung in die indische Kultur und nur einen Bruchteil des Schlafs, den wir eigentlich bräuchten. Die Abende mit den anderen AFSlern aus aller Welt, die ihr nächstes Jahr in Indien verbringen würden, waren nicht nur sehr bereichernd, sondern machten auch unglaublich viel Spaß. Aber bald hieß es schon wieder Abschied nehmen und den nächsten Schritt in dieses neue, andere Leben zu gehen.

Ein zweiter Flug folgte. Nach knapp zwei Stunden konnten wir die Dächer Vizags sehen. Jetzt ging es los. Jetzt ging es wirklich los! Ich wollte so gerne nervös sein, irgendetwas spüren, aber da war nichts. Nur die wunderschönen Wellen, die auf die Küste von Visakhapatnam zurollten, der Verkehr und die Häuser. Und dann stand ich auf einmal vor meiner Gastfamilie und bemühte mich die Sätze, die ich im Flugzeug auswendig gelernt hatte, aufzusagen: „Namaskar. Ap kaise hai?“ Rückfrage: „Main thik hun.“ Umarmungen. Rosen. Fotos. Abschied von meiner neu gewonnen italienischen Freundin Letti und eine für mich gefährlich anmutende Autofahrt auf der linken Straßenseite, ohne Gurt. Auf einer zweispurigen Straße bewegten sich auf einmal fünf Fahrzeuge und drei Kühe neben einander und Menschen klopften von außen an die Autotüren. Ich war angekommen. Das hier war Indien! Und irgendwann stand ich dann in der Wohnung meiner Familie, zusammen mit einem Berg an Essen, der mit Sicherheit meiner eigenen Körpergröße nahe kam. „Just try another one.“ Dieser Satz verfolgte mich, bis nichts mehr da war. Dann gingen wir Essen. Mit doppelt oder dreifach gefülltem Magen aber unglaublich glücklich fiel ich am Abend dann ins Bett.

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Meine Familie ist wirklich toll. Meine Schwester ist in meinem Alter und ebenso in meiner Klasse und ihr gelingt es in jeder Situation Spaß zu haben. Ich teile mit ihr ein Zimmer und es gibt immer etwas zu erzählen. Sie schafft es nicht nur, mir alle Facetten des Lebens hier zu erklären, sondern auch immer für mich da zu sein und mich hier auf Anhieb zu Hause fühlen zu lassen. Außerdem habe ich auch einen unglaublich süßen kleinen Bruder dazugewonnen, der inzwischen fleißig dabei ist, mir das Hindi-Alphabet beizubringen und mit dem man eigentlich ununterbrochen spielen kann. Auch meine Eltern sind total liebevoll und befreien mich, so lange ich zu Hause bin, mehr oder weniger von jeder Regel, mit der Begründung, dass für meine Gastgeschwister hier ja auch keine strengen Regeln gelten. Sie sind unglaublich lieb und haben einen so schönen Umgang miteinander und auch mit mir, dass ich mir immer wieder ins Bewusstsein rufen muss, dass ich mich hier ja immerhin noch in einer ganz neuen Umgebung befinde und dass dies hier nicht Deutschland ist, sodass es trotzdem tausende ungeschriebene kulturelle Regeln zu beachten gilt. Die beiden Tage, die mir blieben, bevor die Schule begann, schienen viel zu kurz zu sein.

Dann kam die richtige Konfrontation mit einer neuen Kultur: Das Internatsleben. Dass es strenger sein würde, wusste ich ja, aber es ist wirklich SEHR streng. Bei meiner Ankunft am Montag morgen wurden erst einmal die Koffer durchsucht. Handy, Geld, Kamera, Medikamente, Laptop, Schokolade…: Alles wird einem abgenommen und separat verwahrt. Geweckt wird mit der Trillerpfeife und zwar drei Stunden vor Schulbeginn, damit wir am Morgen erstmal Sport machen können: Rennen, Muskelaufbau, Ballsport. Dann duschen, anziehen, Frühstück, Schule. Direkt nach der Schule, also um 15:00 Uhr geht es dann weiter mit noch mehr Sport. Dann wird bis um halb zehn gelernt. An Freizeit denkt hier eigentlich keiner außer die Schüler. Dennoch steht Freizeit nicht auf dem Tagesplan. In der Schule ist der Kontakt mit Jungs eigentlich verboten und überall hängen Überwachungskameras, um das auch zu kontrollieren, nur hält sich keiner daran. Nur Letti, eine Italienische Austauschschülerin, und ich haben sich trotzdem an alle Regeln zu halten. Aber ich muss sagen: Mir gefällt diese Disziplin irgendwie. Ich könnte mir zwar niemals vorstellen, so mein ganzes Leben zu verbringen, für zehn Monate kann ich damit aber gut leben. Ich genieße die Erfahrung und den Sportunterricht, nur die Schule und die Prüfungen sind wirklich schwer. Ich bin froh, am Wochenende dann zu meiner Familie zu kommen, die Zeit entspannter zu verbringen und vor allem richtig Spaß mit meinen Geschwistern zu haben.

Insgesamt bin ich bisher wirklich zufrieden. Immer wenn wir mit Bus oder Auto unterwegs sind gelingt es mir beim besten Willen nicht, meinen Blick von dieser unglaublichen und üppigen Natur abzuwenden.

Allerdings beginne ich langsam auch die zu vermissen, die ich zurückgelassen habe. Ich habe kein Heimweh, das ist es nicht, aber in einigen Momenten, besonders, wenn ich alleine bin, wird mir so langsam bewusst, wie lange diese zehn Monate sein werden. Manchmal plane ich unterbewusst Dinge, die ich mit nahestehenden Personen machen möchte, bis mein Bewusstsein dazwischenfunkt und mich darüber aufklärt, dass ich da ja noch sehr lange in Indien bin. Es ist nicht so, dass ich irgendetwas bereue oder gerne zurückgehen würde, nur so, dass ich besonders meine Familie und natürlich die, die mir vor meinem Aufbruch in dieses neue Leben nahestanden, immer wieder als gute Freunde und Ratgeber fehlen und ich mir immer wieder ihre Worte oder einfach nur ihre Umarmung herbeiwünsche. Dennoch – dieses kurze Sehnen nach Nähe überfällt mich für gewöhnlich nur in den Momenten, in denen ich alleine bin. Normalerweise bin ich rund um die Uhr beschäftigt und abgelenkt. Ich bin froh um die vielen netten Menschen hier um mich herum, sie machen alles einfacher und mich glücklich. Zwar kann keiner hier mein Leben zu Hause ersetzen, aber ich beginne langsam ein neues zweites Parallelleben anzufangen und damit glücklich zu werden…

Die letzten Tage in Deutschland

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Die letzten Tage auf deutschem Boden

Abschied nehmen. Aber von wem denn? Und warum? Es fühlt sich nicht an wie Abschied nehmen. Vielleicht ein bisschen wie „Tschüs, wir sehen uns morgen wieder“. Ja, es ist nicht viel schwerer „wir sehen uns dann in zehn Monaten“ zu sagen. Es ist mit dem genau gleichen Gefühl verbunden. Eine Erleichterung über das In-Sich-Kehren, ein versprochenes Wiedersehen und ein fehlendes Gefühl für den wahren Zeitraum der Trennung. Wenn man fast ein ganzes Jahr weggeht, gehört es dazu, sich bei denen zu verabschieden, die einem an nächsten stehen, doch ich hatte gedacht, dass dabei mehr Schmerz und Überwindung dazu gehören. Mir fehlt jedoch jegliches Gefühl für das Kommende. Richtige Abschiede tun weh, doch nun, nachdem ich mich von allen Freunden in Deutschland verabschiedet habe, fehlt der Schmerz, der doch für jeden Abschied angekündigt wird. Es fühlt sich nach Nichts an, es ist kein gutes Gefühl, die Leute nicht bald wiederzusehen, aber es ist auch kein schlechtes. Dennoch wird es Zeit, an dieser Stelle auch die Mühe zu würdigen, die sich insbesondere meine Klasse im Internat gab. Besonders bedanken möchte ich mich bei Lydia und Emmi, die mir mit tollen Ideen und ihrer herzlichen Art einen wunderschönen letzten Tag beschert haben, der schon um Mitternacht begann. Nämlich damit, dass aus den Boxen in meinem Zimmer plötzlich das Lied „leaving on a jetplane“ erklang und ein guter Teil meiner Klasse mit Chips, Keksen und Getränken in meinem Zimmer stand. Wir sprachen, spielten und lachten, sodass der Tag oder besser die kurze Nacht schon mit Spaß anstatt mit Abschiedsschmerz begann. Auch bekam ich zwei richtig süße T-Shirts mit Unterschriften des ganzen Jahrgangs und meines Debating-Teams. Am Tag hatte dann jeder meiner Mitschüler eine ganz eigene, individuelle Art, mir noch einmal Tschüss zu sagen. Besonders ragte dabei aber Lydia heraus, die ein weiteres Mal ihr besonderes Talent als Hobby-Konditorin unter Beweis stellte: Alleine für mich buk sie eine Torte in Form eines Koffers, die zu beschreiben mir kaum möglich wäre, weshalb ich hierzu ein Foto beigefügt habe. An dieser Stelle bleibt mir wirklich nur, mich zu bedanken. Ich kenne außer Lydia niemanden, der solche Meisterwerke aus etwas Mehl und Zucker schaffen kann… 😀

Außerdem verbrachte ich den Nachmittag mit Lydia in der Stadt und räumte am Abend mein Internatszimmer leer. Jetzt sah es wirklich aus, als würde ich gehen. Doch noch immer scheint es nicht so zu sein. Ich gehe in zwei Tagen. Es wird Zeit, das endlich zu bemerken! 😀

Vor der Reise

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Vor der Reise

„Wie kommt man eigentlich auf die Idee, ausgerechnet nach Indien zu gehen?“

Ich kann nicht sagen wie oft ich genau diesen Satz während der letzten neun Monate gehört habe. Ebenso wenig aber weiß  ich nun, wie oft mir der Versuch misslang, das Ganze mir oder anderen zu erklären. Eine bewusste Entscheidung war nie notwendig gewesen. Mein Kopf hatte sich nie dafür entschieden nach Indien zu gehen. Mein Herz hatte ihm das schon vorweg genommen, bevor er sich überhaupt mit dem Gedanken hatte anfreunden können, mein gewohntes Umfeld und alles, was ich an meinem jetzigen Leben liebe und schätze, für ein Jahr einfach zurückzulassen. Wenn nicht nach Indien, wohin sollte ich sonst gehen? Meine Neugier und der Wunsch, Neues und Fremdes zu entdecken, hatten sich in mir verselbstständigt und jede Form der Entscheidungsfindung sinnlos werden lassen. „Ich will mal an einen Ort gehen, der richtig anders ist und nicht nur so ein bisschen“, war meine häufigste Antwort. Ja, die Unterschiede reizten mich, schon der Gedanke an Indien gab mir ein Gefühl der Naivität, denn ich fühlte mich wieder als das kleine Mädchen, das mit leuchtenden Augen den Erzählungen ihres Vaters lauschte. Erzählungen über eine fremde, buntere Welt, deren Farben, Geschmäcke und Gerüche mir in meinem bisherigen Leben verborgen geblieben waren. Ohne es jemals gesehen zu haben, hatte ich mich in dieses Land verliebt und es wurde Zeit, die Erfüllung des Wunsches, dieses Land einmal in echt zu erleben, selbst in die Hand zu nehmen. Es wurde Zeit, sich auf einen riesigen Berg Papier zu stürzen und eine Bewerbung auszufüllen, die mir viele Abendstunden raubte. Dann die Auswahl, der Brief, dass ich genommen worden war, Einladungen für Vorbereitungswochenenden… Im Nachhinein kommt es mir vor als wären die letzten Monate nur wie ein Film an mir vorbeigezogen, in dem ich mich selbst hatte von außen beobachten können. Das Auslandsjahr schien konstant nicht näher kommen zu wollen und auch jetzt, zwei Tage vor der Abreise, scheint es noch kein Stückchen realer geworden zu sein. Am nächsten war es vielleicht in den Vorbereitungen, in denen ich viele nette Leute kennen lernte, die bald eine ähnliche Erfahrung wie ich machen werden oder diese schon gemacht hatten. Die Vorbereitungen bedeuteten Spaß und eine Stärkung des Zusammenhalts ebenso wie eine umfassende Schulung in der allgemeinen Theorie anderer Kulturen sowie der länderspezifischen Eigenheiten Indiens. Allein diese Vorbereitungen sind eine derart tolle und bereichernde Erfahrung, dass es schwer ist, sich vorzustellen, wie dem entsprechend ein ganzes Auslandsjahr sein muss. Ja, es ist schwer, sich das vorzustellen, auch jetzt noch, wo die Abreise näher denn je ist. Noch weiß ich nicht, worauf ich mich gerade einlasse, doch ich weiß, dass die Zukunft mir dieses kleine Geheimnis so bald offenbaren wird, dass es nun an mir liegt, selbst die Augen für das Kommende zu öffnen und meine Sinne für das zu schärfen, was mir die deutsche Wahrnehmungsschule in meinem bisherigen Leben noch nicht gezeigt hat…

Warum ich nach Indien gehe und was ich von meinem Auslandsschuljahr erwarte …

Dass ich Indien als eines meiner Wunschländer angeben würde, stand eigentlich schon fest, als ich mich dazu entschloss, mich bei AFS zu bewerben. Es ist nämlich mein Kindheitswunsch, Indien kennen zu lernen. Mit den Erzählungen von Indiens Kultur und Mentalität, die teilweise genauso schön wie schrecklich waren, bin ich quasi aufgewachsen. Mein Vater leitete dort zehn Jahre lang Studienreisen und erzählte mir schon als Kind viele Geschichten von seinen Erlebnissen und von den verschiedenen Völkern, Mythen und Religionen dieses vielseitigen Landes. Mir gefiel das Bild, welches er mir von Indien vermittelte.

Ich fing an, mich immer mehr für das Land zu interessieren, das ich bisher nur aus Reiseberichten meiner Eltern kannte. In Erdkunde bereitete ich eine GFS über „Frauen in Indien“ vor, las viele Bücher und besuchte Vorträge über die Religionen und die politische Situation Indiens. Im Hinterkopf hatte ich immer das Versprechen meiner Eltern, irgendwann mit meinem Bruder und mir durch Indien zu reisen, damit wir das alles auch aus erster Hand erleben können. Leider haben wir das bis heute noch nicht geschafft.

Durch dies alles habe ich ein relativ genaues Bild von der indischen Kultur – sofern man das bei einem derart außergewöhnlichen und von Unterschieden geprägten Land wie Indien überhaupt haben kann. Irgendwie wirkt es für mich manchmal wie eine Traumwelt, voller Farben und real gewordener Märchen, wobei ich mir natürlich auch der negativen Seiten Indiens jederzeit bewusst bin. Manchmal ist es für mich schwer zu glauben, dass so viele Unterschiede und Kontraste in einem einzigen Land vereinbar sind.

Das Bildungswesen stelle ich mir ebenso widersprüchlich wie die gesamte Kultur vor. Es wird vermutlich stark von lokalen und gesellschaftlichen Gegebenheiten abhängen. Den Unterricht an den Schulen der Mittel- und Oberschicht in den Städten stelle ich mir ähnlich wie hier vor, vielleicht ein wenig strenger und sicher viel disziplinierter. Sehr wahrscheinlich ist das Schulsystem von der früheren Kolonialmacht England beeinflusst. Dass das Kastensystem auch auf das Schulwesen einen gewissen Einfluss haben könnte, kann ich mir gut vorstellen, auch wenn ich noch keine genaue Vorstellung davon habe, wie sich das auswirkt.

Ich glaube, dass ich mit dem Alltagsleben in Indien gut zurechtkommen werde. Mit einem familienzentrierten Leben habe ich als Halbägypterin und Internatsschülerin eigentlich keine Probleme. Für mich gehört es zum Alltag, mein Zimmer zu teilen.

Privatsphäre habe ich bei meinen vielen Aufenthalten in Ägypten kaum vermisst. Das Bedürfnis alleine zu sein oder meine Ruhe zu haben fehlt einfach, wenn ich unter Menschen bin. In einem ganz fremden Land ist das vielleicht nochmal etwas anderes, doch ich denke nicht, dass eine „kollektivistische“ Kultur für mich ein ernsthaftes Problem darstellen könnte. Auch die Anpassung an mir fremde Werte, Bräuche oder Ideen fällt mir für gewöhnlich nicht schwer.

In Indien werde ich mich anfangs nur auf Englisch unterhalten können; indische Sprachen kann ich bisher nicht, was sich selbstverständlich problemlos ändern ließe.  Diese sprachliche Hürde würde wohl auch die erste Schwierigkeit darstellen. Da ich nie mit einer in Indien oder Asien – mit Ausnahme von Thailand – gesprochenen Sprache konfrontiert wurde, kann ich mir gut vorstellen, dass diese mir auch in Sachen Aussprache und Verständnis anfangs größere Probleme bereiten könnten.

Schwer könnte mir auch fallen, über krasse Formen von Armut und Leid hinwegzusehen, was in einem Land wie Indien wohl nicht zu vermeiden sein wird. Als Kind sammelte ich in Ägypten selbst die Straßenkatzen auf, weil ich nicht wollte, dass diese verhungern. Ich denke, es ist schwer, meine Reaktion in solchen Momenten einzuschätzen und ich kann mir gut vorstellen, dann auch gelegentlich und situationsbedingt an meine Grenzen zu stoßen.

Die dritte Sache, die mir zuweilen Schwierigkeiten bereiten könnte, ist die Tatsache, dass ich sehr beziehungsorientiert bin, was in einer völlig fremden Umgebung dazu führen könnte, dass ich übereifrig versuche, mit den Menschen in Kontakt zu kommen und diese damit vielleicht ein wenig nerven oder überfordern könnte.

Auf Kulturschocks jeglicher Intensität bin ich vorbereitet, das gehört nicht nur dazu, sondern macht auch in einer gewissen Weise den Reiz eines völlig fremden Landes aus.

Für mich steht außer Frage, dass Indien zu den spannendsten und interessantesten Ländern der Welt gehört. Ich freue mich darauf, am Leben dort teilzuhaben und meine eigenen Erfahrungen in diesem von unterschiedlichen Kulturen, Religonen und Volksgruppen geprägten Land zu sammeln.