Ankunft in einer anderen Welt

In meinem Kopf schwirrt vergraben unter tausend Eindrücken noch immer das Bild meiner Familie herum, kurz bevor ich das letzte Mal den Blick von ihnen abwendete. Nach einem erzwungen viel zu kurzem Abschied wurde ich durch die Zollkontrolle geschleust, nicht nervös oder unsicher, nur verwundert. Ich sehe klar meinen Vater vor mir, wie er mir noch einmal zuwinkt, als er merkt, dass ich zurückblicke, meinen Bruder, der meinen Namen ruft und meine Mutter und meine Oma, die dastehen und wortlos in meine Richtung blicken.

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Dann heißt es Blick abwenden und weiterlaufen, auf den Flug warten, fliegen und auf einmal mitten in Dehli stehen, ohne zu wissen wer uns abholen wird oder ob wir überhaupt abgeholt werden. Zu dritt stehen wir da, müde, ungewiss, aber nicht unglücklich. Wie auch immer, wir kamen an. Dann hieß es erst einmal drei Tage Spaß: In einem Hotel in Dehli, das wir leider nicht verlassen durften, bekamen wir eine Einführung in die indische Kultur und nur einen Bruchteil des Schlafs, den wir eigentlich bräuchten. Die Abende mit den anderen AFSlern aus aller Welt, die ihr nächstes Jahr in Indien verbringen würden, waren nicht nur sehr bereichernd, sondern machten auch unglaublich viel Spaß. Aber bald hieß es schon wieder Abschied nehmen und den nächsten Schritt in dieses neue, andere Leben zu gehen.

Ein zweiter Flug folgte. Nach knapp zwei Stunden konnten wir die Dächer Vizags sehen. Jetzt ging es los. Jetzt ging es wirklich los! Ich wollte so gerne nervös sein, irgendetwas spüren, aber da war nichts. Nur die wunderschönen Wellen, die auf die Küste von Visakhapatnam zurollten, der Verkehr und die Häuser. Und dann stand ich auf einmal vor meiner Gastfamilie und bemühte mich die Sätze, die ich im Flugzeug auswendig gelernt hatte, aufzusagen: „Namaskar. Ap kaise hai?“ Rückfrage: „Main thik hun.“ Umarmungen. Rosen. Fotos. Abschied von meiner neu gewonnen italienischen Freundin Letti und eine für mich gefährlich anmutende Autofahrt auf der linken Straßenseite, ohne Gurt. Auf einer zweispurigen Straße bewegten sich auf einmal fünf Fahrzeuge und drei Kühe neben einander und Menschen klopften von außen an die Autotüren. Ich war angekommen. Das hier war Indien! Und irgendwann stand ich dann in der Wohnung meiner Familie, zusammen mit einem Berg an Essen, der mit Sicherheit meiner eigenen Körpergröße nahe kam. „Just try another one.“ Dieser Satz verfolgte mich, bis nichts mehr da war. Dann gingen wir Essen. Mit doppelt oder dreifach gefülltem Magen aber unglaublich glücklich fiel ich am Abend dann ins Bett.

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Meine Familie ist wirklich toll. Meine Schwester ist in meinem Alter und ebenso in meiner Klasse und ihr gelingt es in jeder Situation Spaß zu haben. Ich teile mit ihr ein Zimmer und es gibt immer etwas zu erzählen. Sie schafft es nicht nur, mir alle Facetten des Lebens hier zu erklären, sondern auch immer für mich da zu sein und mich hier auf Anhieb zu Hause fühlen zu lassen. Außerdem habe ich auch einen unglaublich süßen kleinen Bruder dazugewonnen, der inzwischen fleißig dabei ist, mir das Hindi-Alphabet beizubringen und mit dem man eigentlich ununterbrochen spielen kann. Auch meine Eltern sind total liebevoll und befreien mich, so lange ich zu Hause bin, mehr oder weniger von jeder Regel, mit der Begründung, dass für meine Gastgeschwister hier ja auch keine strengen Regeln gelten. Sie sind unglaublich lieb und haben einen so schönen Umgang miteinander und auch mit mir, dass ich mir immer wieder ins Bewusstsein rufen muss, dass ich mich hier ja immerhin noch in einer ganz neuen Umgebung befinde und dass dies hier nicht Deutschland ist, sodass es trotzdem tausende ungeschriebene kulturelle Regeln zu beachten gilt. Die beiden Tage, die mir blieben, bevor die Schule begann, schienen viel zu kurz zu sein.

Dann kam die richtige Konfrontation mit einer neuen Kultur: Das Internatsleben. Dass es strenger sein würde, wusste ich ja, aber es ist wirklich SEHR streng. Bei meiner Ankunft am Montag morgen wurden erst einmal die Koffer durchsucht. Handy, Geld, Kamera, Medikamente, Laptop, Schokolade…: Alles wird einem abgenommen und separat verwahrt. Geweckt wird mit der Trillerpfeife und zwar drei Stunden vor Schulbeginn, damit wir am Morgen erstmal Sport machen können: Rennen, Muskelaufbau, Ballsport. Dann duschen, anziehen, Frühstück, Schule. Direkt nach der Schule, also um 15:00 Uhr geht es dann weiter mit noch mehr Sport. Dann wird bis um halb zehn gelernt. An Freizeit denkt hier eigentlich keiner außer die Schüler. Dennoch steht Freizeit nicht auf dem Tagesplan. In der Schule ist der Kontakt mit Jungs eigentlich verboten und überall hängen Überwachungskameras, um das auch zu kontrollieren, nur hält sich keiner daran. Nur Letti, eine Italienische Austauschschülerin, und ich haben sich trotzdem an alle Regeln zu halten. Aber ich muss sagen: Mir gefällt diese Disziplin irgendwie. Ich könnte mir zwar niemals vorstellen, so mein ganzes Leben zu verbringen, für zehn Monate kann ich damit aber gut leben. Ich genieße die Erfahrung und den Sportunterricht, nur die Schule und die Prüfungen sind wirklich schwer. Ich bin froh, am Wochenende dann zu meiner Familie zu kommen, die Zeit entspannter zu verbringen und vor allem richtig Spaß mit meinen Geschwistern zu haben.

Insgesamt bin ich bisher wirklich zufrieden. Immer wenn wir mit Bus oder Auto unterwegs sind gelingt es mir beim besten Willen nicht, meinen Blick von dieser unglaublichen und üppigen Natur abzuwenden.

Allerdings beginne ich langsam auch die zu vermissen, die ich zurückgelassen habe. Ich habe kein Heimweh, das ist es nicht, aber in einigen Momenten, besonders, wenn ich alleine bin, wird mir so langsam bewusst, wie lange diese zehn Monate sein werden. Manchmal plane ich unterbewusst Dinge, die ich mit nahestehenden Personen machen möchte, bis mein Bewusstsein dazwischenfunkt und mich darüber aufklärt, dass ich da ja noch sehr lange in Indien bin. Es ist nicht so, dass ich irgendetwas bereue oder gerne zurückgehen würde, nur so, dass ich besonders meine Familie und natürlich die, die mir vor meinem Aufbruch in dieses neue Leben nahestanden, immer wieder als gute Freunde und Ratgeber fehlen und ich mir immer wieder ihre Worte oder einfach nur ihre Umarmung herbeiwünsche. Dennoch – dieses kurze Sehnen nach Nähe überfällt mich für gewöhnlich nur in den Momenten, in denen ich alleine bin. Normalerweise bin ich rund um die Uhr beschäftigt und abgelenkt. Ich bin froh um die vielen netten Menschen hier um mich herum, sie machen alles einfacher und mich glücklich. Zwar kann keiner hier mein Leben zu Hause ersetzen, aber ich beginne langsam ein neues zweites Parallelleben anzufangen und damit glücklich zu werden…

3 Gedanken zu “Ankunft in einer anderen Welt

  1. Klingt ziemlich cool…
    Hast du kein Magen-Darm bekommen? Ich dachte, an indische Hygiene und das Essen müsse man sich erst mal gewöhnen 😆
    Wir sind ja grade in Berlin, aber das ist ja nichts im Vergleich zu Indien 😃
    Na ja, also viel Spaß weiterhin, und Lydia informiert dich ja glaube ich über alles. Aber von deinem Blog wusste sie nichts!
    Ida

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  2. Liebe Dunya,

    vielen Dank für die tollen Berichte und Bilder, die bereits auf Deinem Blog erschienen sind! Ich lese sie mit großer Freude und kann mich dadurch sehr gut in Deinen aktuellen Alltag hineinversetzen!

    Gegen so ein „Sportinternat“ hätte ich eigentlich auch nichts, aber mir geht es ähnlich wie Dir-mein ganzes Schulleben wollte ich nicht so verbringen.

    Ich bewundere Dich sehr dafür, eine so lange Zeit in einem uns so fremden Land zu verbringen!

    Ich wünsche Dir eine unvergessliche Zeit!

    Alles alles Liebe,
    Sophia ❤️🐘🇮🇳

    P.S.: Hoffentlich werden noch viele eindrucksvolle Berichte folgen😉

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